Panajotis Kondylis, Machiavelli

 

Panajotis Kondylis, Machiavelli. Vorrede von Günter Maschke. Aus dem Griechischen übersetzt von Gaby Wurster und durchgesehen von Athanassios Kaissis, Berlin: Akademie Verlag 2007, 181 S., ISBN 978-3-05-004046-2

 

 

 

 

 

   

 

Erstmals ist die Frühschrift des Philosophie- und Sozialhistorikers Panajotis Kondylis, die 1971 als Einleitung zu der von ihm besorgten ersten griechischen Machiavelli-Ausgabe des Fürsten verfasst wurde, im Deutschen erschienen. Die Studie überrascht, denn der Autor praktiziert im Machiavelli schon die als „deskriptiven Dezisionismus“ bezeichnete Vorgehensweise der sezierenden Analyse. Der Ansatz des deskriptiven Nihilismus, den er dem Anspruch nach als wertfreier Beobachter applizierte und in Macht und Entscheidung zur Methode des „deskriptiven Dezisionismus“ ausbaute, ist bereits erkennbar. Diese Methode erhebt keine Interpretationsansprüche, sie hat dem Leser weder Anweisungen zur Lebensgestaltung zu geben, noch will sie Deutungsansprüche in Form eines ideologischen Konzeptes postulieren. Ziel ist es, Machiavellis Epoche zu verstehen, in dem der Autor die sozioökonomischen, politisch-kulturellen und historischen Verflechtungen offenzulegen versucht. Hinter dem Ansatz steht das Grundverständnis, dass Denken immer bestimmte Weltbilder gegen rivalisierende Ansprüche durchsetzen will.

Kondylis betreibt die Analyse diverser Erscheinungen z.B. in Literatur, Dramatik, Malerei, Musik, Philosophie und Naturwissenschaft, die wiederum in Analogie Rückschlüsse auf die Veränderungen im Staatswesen sowie im Verständnis des immerwährenden politischen Kampfes um Selbst- und Machterhaltung erlaubt. Man kann daher leicht die ein oder andere historische Ungenauigkeit wohlwollend überlesen, die sich aber als gravierend herausstellen: Die Bedeutungslosigkeit, die er z.B. der Religion zuweist, steht im Widerspruch zu Machiavelli, der die Religion als wichtig betrachtete, weil sie Moral vermittelt und somit die Voraussetzung für die Sittlichkeit ist. Ebenso problematisch ist die Zuschreibung, dass Machiavelli den Klassenkampf seiner Zeit darstelle. Kondylis war 1971 zur Zeit der griechischen Militärdiktatur Mitglied der Kommunistischen Partei und ein orthodoxer Marxist. Insofern ist es kaum verwunderlich, dass er in Machiavellis Werk die Begriffe der Differenzie­rung der Klassen und des Klassenkampfes sieht, die historisch erst mit der marxistischen Theorie im 19. Jahrhundert aufkamen. Die Kritik an diesen Ungereimtheiten wiegt schwer, denn ausgerechnet die historische Herleitung des Werkes war Kondylis’ erklärte Intention.

Als Einführung taugt das Buch nicht, da es sowohl zu sehr vom Methodenzugang Kondylis’ als auch von dessen ideologischen Sichtweise auf die Zeit Machiavellis geprägt ist. Nicht die komparative Methodik Machiavellis kommt zum Vorschein, sondern die semantischen Manöver des Autors zugunsten seiner marxistischen Lesweise. Diese ist nicht – wie von ihm reklamiert – als analytisch-deskriptiv und wertneutral zu bezeichnen, sondern vielmehr als manipulativ. Kondylis’ Interpretationsansatz geht mit dem Satz von Karl Marx und Friedrich Engels im ersten Kapitel des Manifests der Kommunistischen Partei einher: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ Das kann man durchaus so sehen, allerdings muss man dann auch die Quellen benennen und empirische Belege beischaffen statt wie bei Kondylis, Thesen in den Raum zu stellen, die auf tönernen Füssen stehen. Trotzdem ist das Buch lesenswert, soweit man das Werk unter die „marxistischen Vorzeichen“ seiner Entstehung einordnet. Machiavelli-Kenner werden sicherlich die historischen Bewertungen des Autors und somit mögliche Fallstricke der Interpretation Kondylis’ erkennen und genau abzuwägen wissen.

 

© Ulrich Arnswald