Ernst Jünger, Kriegstagebuch 1914-1918

 

Ernst Jünger, Kriegstagebuch 1914-1918. Herausgegeben von Helmuth Kiesel, Stuttgart: Klett-Cotta, Stuttgart 2010, 655 S., ISBN

978-3-60-893843-2

 

 

 

 

 

 

 

 

     

Heimo Schwilk (Hrsg.), Ernst Jünger. Leben und Werk in Bildern und Texten, Stuttgart: Klett-Cotta 2010, 336 S., Abb., ISBN

978-3-608-93842-5

  

 

Ernst Jüngers Kriegstagebuch 1914-1918 ist erstmals in einer aufwendig gestalteten und ausgestatteten Buchausgabe erschienen, die auch Abbildungen von Zeichnungen und erläuternden Skizzen Jüngers beinhaltet. Sie orientiert sich wortgetreu an den Notizheften aus dem Ersten Weltkrieg. Insgesamt umfaßt das Tagebuch 15 Kladden, die seit einigen Jahren zum Inventar des Deutschen Literaturarchiv Marbach gehören. Diese sind nach der Handschrift und ohne die geringste Auslassung vom portugiesischen Germanisten José António C. Santos transkribiert und vom Herausgeber Helmuth Kiesel, Professor der Germanistik in Heidelberg, mit einem ausführlichen Kommentar sowie einer informativen Übersicht und Dokumentation versehen worden. Komplementär wurde das so genannte „Käferbuch“ aus den Kriegsanfangsjahren hinzugefügt, das sich zusammen mit Heft 7 in einer Kladde befand. Es wurde von Isolde Kiesel transkribiert sowie kommentiert und entstand ebenso an der Front, wo der Autor zumindest bis 1916 noch auf Käferpirsch ging – teilweise gezielt bei Spaziergängen während Auszeiten vom Dienst, teils beiläufig auf seinen Gängen durch die Grabensysteme. Seine Funde listete er fachkundig auf und präparierte die Käfer in den Ruhepausen an der Front. Mit dem Käfersammeln blieb ihm zu Kriegsbeginn neben seiner Leselektüre eine letzte zivile Ablenkung vom Kriegsgeschehen.

 

Während Jünger im Januar 1915 auf dem Weg an die Front mit Emphase schreibt „Stimmung war fidel. Die Gegend bekommt kriegsmäßiges Aussehn.“ und dem Krieg gar lustige Seiten abgewann, „Eine Granate war in die linke Ecke eingeschlagen. Einige große Blutlachen röteten die Straße und am Pfeiler klebte Hirn. Die schwere Eisentür war oben zerfetzt und von c. 50 Stücken durchschlagen. Ein durchlöcherter Helm und Feldmütze lagen darunter. Oben hing lustig ein Schild: ‚Zur Granatecke.’“, endet das Tagebuch im September 1918 mit dem desillusionierten Eintrag: „Wir haben viel, vielleicht Alles, auch die Ehre verloren. Eins bleibt uns: die ehrenvolle Erinnerung an die herrlichste Armee, die je existiert und an den gewaltigsten Kampf, der je gefochten wurde.“ – Mehr bleibt nicht. Das Ergebnis von gut viereinhalb Jahren auf den bis heute blutigsten Schlachtfeldern der Menschheit.

 

Vier Kriegsjahre und sieben Verwundungen später liest man kritische Einträge, die offen lassen, ob der Autor seine Haltung zum Krieg mit einschließt. Nüchterner Realitätssinn zeigt sich, wenn er in der ihm eigenen lakonischen Art schreibt: „Es wird auch dem gemeinem Manne allmählich klar, daß die Gegner mit ihrer erdrückenden Munitions- und Materialüberlegenheit (von Menschen gar nicht zu reden) uns zum bittern Ende treiben wollen.“ Jünger erspart dem Leser keine Grauen, ob er z.B. über „Mumien“, mit denen man sich die Grabenstellung teilt, schreibt, oder davon, dass „das Blut plätscherte wie ein Wasserfall“. Dennoch steigert sich selbst dieser Schrecken stetig bis zur einsetzenden Materialschlacht, die in den Jahren 1917 und 1918 kulminierte. Seine Einträge spiegeln die Veränderung der Kriegstaktik wider, die sich aus den neuen Waffengattungen ergab und im Horror der verheerenden Gaseinsätze gipfelte. Er lässt nichts aus: die Kälte und Nässe im Graben; die Besäufnisse an der Front; die Zurufe zwischen den feindlichen Soldaten über die Gräben hinweg; das „Räubern“ von Toten; der Wunsch nach Kriegerruhm und Auszeichnungen; das Verrücktwerden von Soldaten; der süßliche Leichengeruch; Alpträume; Galgenhumor; Operationen unter offenem Himmel; die Verrohung und Abstumpfung der Soldaten; das Ausdünnen der Reihen; der Drang zur ultimativen Entscheidung; Kriegsermüdung; Gleichgültigkeit; Waffenpausengespräche mit gegnerischen Offizieren; „die musikalischen Genüsse der Infanterie und Artillerie“; die Annehmlichkeiten der Etappe; die schlappe Kriegsführung des Gegners; Gasangriffe; grausige Schlachtentode; Urlaubslust ebenso wie Sehnsucht nach der Front; das Durchflügen des Geländes mit Granaten; das unkenntlich gewordene Landschaftsbild; Etappenschweine; Wiedersehen an der Front mit dem verwundeten Bruder; das Nehmen von Kriegsgefangenen; Nervenzusammenbrüche; die Wut über den Kameradentod; Resignation; das Gefühl vom Unbeteiligtsein am eigenen Tod und Leben; Nachsicht gegenüber dem überrumpelten Feind im Schützengraben; unwiderstehlicher Angriffsdrang; Draufgängertum; das Röcheln der Sterbenden; Kriegspropaganda; Krankheiten und mangelnde Ernährung; Schützengräben wie „Fleischbänke“; die für ihn den Krieg beendende Verwundung, aber gleichfalls aufkommende traurige Gedanken, die Verzweifelung und Sinnlosigkeit, das Innehalten und Hinterfragen.

 

War es Naivität, als Jünger mit den Worten „Ich bin sehr neugierig, wie sich eine Shrapnellbeschießung ausmacht.“ in den Krieg zog, war es tollkühnes Draufgängertum, das ihn zu Aussagen wie „Der Anblick der von Granaten zerrissenen hat mich vollkommen kalt gelassen“ hinriss, oder war es vielmehr Selbstschutz in Form einer Verpanzerung gegen die Greuel? In seinen Aufzeichnungen heißt es: „Ich verfiel meinem Temperament gemäß von einem heiteren Phlegma in kopfhängerisches Phlegma, richtete mich aber bald durch den Entschluß auf, meine Heldenbrust gegen künftige Angriffe von Vorgesetzen mit einer dreifachen Schicht von Gleichgültigkeit zu panzern.“ Die Tagebücher erlauben Einblicke in die Stimmungsschwankungen des Frontkämpfers, der das Töten mit dem „Fiber des Waidmanns“ und die Menschenjagd mit „der Aufregung des Wildes“ vergleicht und zu einem sakralen Moment erhöht. Sie sind ein einzigartiges Dokument. Angetrieben vom Diktum „Und setzet Ihr nicht das Leben ein, nie wird Euch das Leben gewonnen sein.“ sucht Jünger im Krieg eine existentialistische, lebensweisende Erfahrung, genau wissend, dass der „Tod herum[streicht] und sieht, wen er verschlinge.“ als auch erkennend, dass, „[w]enn die Schweinerei ... noch viel länger dauert, wird zuletzt überhaupt niemand mehr am Leben sein.“

 

Am Ende des Krieges ist der Leutnant mit 23 Jahren der zweitälteste Kompanieführer seiner Einheit, des Hannoverschen „Füsilier“- oder Infanterie-Regiments Nr. 73. Seine Notizen, welche die Basis für sein späteres Hauptwerk In Stahlgewittern darstellen, bestechen durch ihre Todesverachtung, die den Krieg als einmaligen Erfahrungsraum postuliert, der die Überlebenden „gestählt“ hervorbringt. Mögen die Einträge zuerst der eigenen Erinnerung als auch als Bericht an die Familie gedient haben, werden sie doch unweigerlich stetig mehr zur Materialsammlung eines „Kriegsabenteuerbuches“. Gerade die Anmerkungen gegen Ende verdeutlichen dies, denn sie müssen Resultat einer gewissen Nachbearbeitung sein, ansonsten läßt sich nicht erklären, wie der Autor schon nach der ersten Verwundung 1915 schreiben kann: „Als ich inmitten der Heidelberger Blütenpracht aus dem Zuge gehoben wurde, dachte ich nicht, daß ich je wieder in den Krieg hinausmüßte.“ Hierzu hätte man vom Herausgeber gerne mehr erfahren, vor allem auch ob, und wenn ja, wie die nachträglichen Überarbeitungen zu erkennen sind und welche Rückschlüsse diese auf eine Stilisierung Jüngers erlauben. Insgesamt schließt das Kriegstagebuch 1914-18 eine wichtige Forschungslücke, da es sowohl ein lang gehegtes Desiderat der Jünger-Forschung als auch der Kriegsgeschichte darstellt.

 

Ergänzend hat Klett-Cotta eine überarbeitete Neuausgabe der Bildbiographie Ernst Jünger. Leben und Werk in Bildern und Texten herausgebracht. 1988 erstmals verlegt, gilt sie als ein Standardwerk der Jünger-Forschung. Die Neuausgabe wurde um die letzten zehn Lebensjahre erweitert und mit bisher unpublizierten Fotos und Dokumenten versehen. Die großformatige Bildbiographie ist reichhaltig mit Familienfotos, Portraits, historischen Bildern der Wohnorte sowie des Kriegsgeschehens, abgedruckten Briefen, Abbildungen der Erstausgaben seiner Bücher etc. ausgestattet und kann als Einführung in das Werk Jüngers ebenso wie als biographisches Lesebuch dienen. Das Leben Jüngers umfaßte fast vollständig ein ganzes Jahrhundert und sein Lebensweg kann daher zugleich als Chronik dieser Epoche angesehen werden. Insofern fungiert die Bildbiographie einerseits als Seismogramm des 20. Jahrhunderts, andererseits zugleich als Protokoll eines abenteuerlichen Lebens. Nur ein Aspekt ist zu bedauern: Es fehlt ein Namensregister. Dies wäre aufgrund der Vielzahl von Begegnungen Jüngers mit bekannten Zeitgenossen wünschenswert und hilfreich gewesen. In toto gelingt es Heimo Schwilks umfangreicher Bildbiographie vortrefflich, den Schriftsteller einem breiten Publikum näher zu bringen und die Lebensstationen nachzuzeichnen.

 

© Ulrich Arnswald