Was macht die Europäische Union aus? Was soll sie sein?

Welttag der Philosophie 2012 – Diskussionsveranstaltung mit drei Impulsvorträgen

Menschliche Silouetten die auf einem Fragezeichen stehen. Durch sie scheint der Umriss Europas und die europäische Flagge. Copyright: Michael Wendland 2012 - Unter der Creative Commons Namensnennungslizenz: http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.deDie Europäische Union befindet sich in der Krise. Die Zukunft der Union ist unklarer als dies in politisch ruhigeren Zeiten der Fall wäre. Eine Debatte hat begonnen, die kaum schnell zu Ende sein dürfte. Die Fortentwicklung der Europäischen Union sowie die Bewältigung ihrer Banken-, Staats- und Finanzkrisen werden auf lange Sicht mühsame Unterfangen bleiben, die uns alle, ob wir wollen oder nicht, zwangsweise beschäftigen werden. Zeit also, um Fragen zu stellen, die weit über den Tag hinaus reichen:

Wer „macht“ eigentlich Europa? Ist die Europäische Union eine Elitenveranstaltung? Wer hat faktisch die Macht in der Europäischen Union? Wer bestimmt wie die Zukunft Europas aussieht? Gibt es denn in der europäischen Politik eine echte Vorstellungskraft einer künftigen Union? Hat die Politik wirklich das berühmte „Heft des Handelns“ in der Hand oder sind es vielmehr die Bürger einzelner Staaten, die durch ihr Verhalten festlegen, welchen Weg die gewählten Politiker überhaupt nur tendenziell einschlagen können? Oder laufen die Politiker, wie manche süffisant vermerken, nur der Kraft des Faktischen in Form ihrer eigenen Rettungspläne hinterher? Haben die Regierenden gar Angst vor Ihren Bürgern? Bestimmen am Ende vielmehr die, die man neuerdings „Wutbürger“ nennt? Oder sind es nicht eher Wissenschaftler, Denker und Intellektuelle,die mit ihren Ideen und Überlegungen eine "ratlose" und sicherlich teilweise gescheiterte Europa- Politik mit möglichen Handlungsszenarien und -anweisungen beliefern? Was treibt die Europäische Union an? Sind es konkrete politische Ideen? Sind es europaweite politische Bewegungen und Entwicklungen? Oder sind es ausschließlich profane Macht- und Wirtschaftsinteressen?

Die Vorstellungskraft eines geeinten Europas hat die Menschen dieses kleinen Kontinents immer schon stark beschäftigt. Nicht nur heute, sondern bereits hunderte Jahre zuvor. Dabei stand meistens die Frage der Kriegsverhinderung im Mittelpunkt, wie man sie beispielsweise den Friedenschriften des Philosophen Jean-Jacques Rousseau entnehmen kann. 1756 stellt Rousseau bereits die Frage, "ob es im Interesse der Staatsoberhäupter liegt, diesen [europäischen] Bund zu gründen und sich zu diesem Preis einen beständigen Frieden zu erkaufen." (49) Kann man aber die heutige Europäische Union mit diesen bescheidenen Zielen der Kriegsverhinderung vergleichen? Und kann man wirklich ein Bündnis dauerhaft erkaufen?

Wenn die heutige Europäische Union mehr ist als nur ein "erkauftes" und rudimentäres Kriegsverhinderungsbündnis stellt sich die Frage, was dann die gemeinsamen Ziele, Werte und Ideen sind, die die Bürger der Europäischen Union teilen. Was macht den Kern dieser Gemeinschaft aus? In Form einer gemeinsamen Verfassung ist bekanntlich dieses Gemeinsame immer noch nicht kodifiziert. Was ist es aber, was uns Bürger der Europäischen Union verbindet? Gibt es eine europäische Solidarität der Völker? Wenn ja, wie weit geht diese? Und wie weit soll diese zukünftig gehen? Welche Vorstellung einer künftigen Europäischen Union haben wir?

Jean-Jacques Rousseau erkannte einst, dass Europa nicht einfach nur eine Ansammlung von Staaten war, sondern "ein besonderes System, welches sie [die europäischen Mächte] […] schließlich durch eine Art von Gleichgewicht vereinigt, das notwendigerweise aus all diesen Bezügen resultiert" (17). Wie soll dieses Gleichgewicht jedoch konkret aussehen? Welche Form soll es annehmen bzw. hat es bereits angenommen? Handelt es sich bei der Europäischen Union um einen Superstaat im Werden, oder lediglich um einen Staatenbund ("Konföderation") oder gar letztlich um etwas ganz anderes? Und wie kommt dies alles beim Bürger an? Wie sehr empfindet dieser sich denn als ein Bürger der Europäischen Union? Und was erwartet er von dieser?

Renate Dürr (Philosophie), Heinz-Ulrich Nennen (Philosophie) und Daniel Liebeherr (polphil) versuchen die hier aufgeworfenen Fragen in Form kurzer pointierter Impulsvorträge thesenähnlich zu beantworten, bevor sich eine intensive Diskussion im Plenum anschließen soll. Die Diskussion wird von Esther Weickel (polphil) moderiert.

Die Veranstaltung des Arbeitskreises Politische Philosophie (polphil) des Instituts für Philosophie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist ein Beitrag zum UNESCO-Welttag der Philosophie 2012.

 

Datum und Ort: 

Donnerstag, 15. November 2012, 19 Uhr, im Foyer des Instituts für Philosophie, Karlsruher Institut
für Technologie (KIT), Campus Süd, Kollegium am Schloss, Geb. 20.12.

Der Eintritt ist frei.