Thomas Morus’ Utopia und das Genre der Utopie in der Politischen Philosophie

Kolloquium des Instituts für Philosophie der Universität Karlsruhe (TH)
sowie des Instituts für Kulturforschung Heidelberg

Thomas Morus' De Optimo Reipublicae Statu deque nova insula UtopiaPlakat unter Verwendung des Bildes "Thomas Morus", von Hans Holbein. Quelle: wikipedia.org - Das Bild ist wiefolgt lizensiert: GNU Free Documentation License Libellus vere aureaus, nec minus salutaris quam festivus ("Von der besten Staatsverfassung und von der neuen Insel Utopia, ein wahrhaft goldenes Büchlein, genauso wohltuend wie heiter") ist ein Klassiker der Politischen Philosophie. Das 1516 erstmals erschienene Buch prägte die spätere Tradition der teils theoretisch, teils literarisch motivierten Ausarbeitung fiktiver Staatsmodelle, und der von Morus kreierte Eigenname jener Insel wurde zur Gattungs­bezeich­nung für politische Fiktionen. Utopia ist daher unter anderem auch der Archetypus aller positiven Staatsutopien. Sein Anregungspotential und seine wirkungsgeschichtliche Stellung machen das Werk daher zu einem der bis heute einflussreichsten Bücher in der Geschichte des politischen Denkens.

Der Name 'Utopia', von griechisch 'ou' und 'tópos' abgeleitet, bezeichnet ein "Nirgendwo", durch des­sen Unauffindbarkeit alle Sehnsüchte in eine unerreichbare Ferne projiziert werden. Als Utopie gilt somit eine Vorstellung, die als Idee zwar denkbar, aber unmittelbar nicht umzusetzen ist. Sie ist Wunschtraum, Konzept und Vision einer Welt oder einer Zeit, in der eine neue gesellschaftliche, religiöse oder technische Ordnung herrscht.Solange es einen "real existierenden Sozialismus" gab, den man gegen die Ansprüche seiner geistigen Väter als Utopie denunzieren oder aber um seines positiv-utopischen Potentials willen ver­teidigen konnte, hatte die Utopieforschung Hoch­konjunktur. Das ist seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende der bipolaren Welt Vergangenheit. Der Utopie-Begriff war ein hart umkämpfter Angelpunkt in der ideologischen Auseinandersetzung der Zeit des Kalten Krieges. Von Theodor W. Adorno über Isaiah Berlin, Ernst Bloch, Martin Buber, Emile Cioran, Charles Fourier, Ralf Dahrendorf, Karl R. Popper oder Jewgenij Samjatin reicht die Kette der Autoren, die sich dem Utopiebegriff unter diesen Vorzeichen ge­widmet haben.

Das Kolloquium will die alte Debatte nicht wiederbeleben, sondern vielmehr hinterfragen, mit welchen Chancen auf gesellschaftspolitische Diskussion heute überhaupt noch fiktive Staatsmodelle in der modernen Demokratie westlicher Prägungen ausgearbeitet werden können. Sind beispielsweise die modernen, weltweit stark rezipierten Entwürfe wie John Rawls' Theorie der Gerechtigkeit, Robert Nozicks' Anarchie, Staat, Utopia oder die Sphären der Gerechtigkeit von Michael Walzer überhaupt als Utopien zu klassifizieren? Oder sind die fiktiven Elemente in ihnen so realitätsnah, dass man sie nicht mehr als utopisch beschreiben kann? Brauchen wir überhaupt Utopien, um in der Lage zu sein, neue, "zukunftsfähige" Modelle der politischen Organisation einer Gesellschaft zu entwerfen? Oder ist die Politische Philosophie so saturiert, dass selbst unter dem Veränderungsdruck der Globalisierung die Möglichkeiten der Weiterentwicklung positiver Staatsmodelle so begrenzt sind, dass in absehbarer Zeit mit neuen Staatsutopien nicht zu rechnen sein wird?

Vor diesem Hintergrund soll die Struktur und Operativität der Gattung "Utopie" als einer Form der Politischen Philosophie auf dem Kolloquium diskutiert und analysiert werden. Da die Begriffsbestim­mung des Utopischen zu allen Zeiten einen festen Anhaltspunkt einzig am literarischen Prototyp aller Utopien, nämlich an Morus' Utopia finden konnte, sollen die Kolloquiumsbeiträge das Thema "Thomas Morus' Utopia und das Genre der Utopie in der Politischen Philosophie" in dieser historisch-syste­matischen Orien­tierung aufgreifen. Ausgehend von Morus soll die Be­handlung des Utopie-Begriffs bei nachfolgenden Autoren und in klassischen Positionen der Politischen Philosophie diskutiert werden, und zwar auch mit dem Ziel, die Relevanz und Aktualität dieses Begriffs für das Verständnis unserer gegenwärtigen politischen Lebensformen zu bestimmen.

Wissenschaftliche Leitung: Hans-Peter Schütt, Ulrich Arnswald  /  Institut für Philosophie der  Universität Karlsruhe (TH)

Datum und Ort: 

02. bis 04. April 2008, im Kloster Bronnbach

Kloster Bronnbach
Bronnbach 9
D – 97877 Wertheim