Reinhard Olschanski, Ressentiment. Über die Vergiftung des europäischen Geistes

 

Reinhard Olschanski, Ressentiment. Über die Vergiftung des europäischen Geistes, Paderborn: Wilhelm Fink 2015, 228 Seiten, ISBN 978-3-7705-5967-1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright: Wilhelm Fink

     

Sie sind selten geworden, die reflektierten Schriften, die sich gegen den braun-grauen Rhetorik-Ausfluss aus Populismus und Fremdenfeindlichkeit stemmen. Frustriert und mit resigniertem Kopfschütteln nehmen viele die zunehmende Angst vor Fremden in Europa zur Kenntnis, die schnell in Hass gegen dieselben umschlägt. Auf der anderen Seite wehren sich viele und gehen aktiv gegen diesen Hass vor, helfen Flüchtlingen und akzeptieren keine Gewalt gegen Fremde. Eines aber bleibt davon unberührt: die pseudo-intellektuellen Erklärungsmuster, die sich längst auch in die rechten Ränder von CDU/CSU gefressen haben und erläutern wollen, warum "Fremde" im einem "westlich geprägten" und aufgeklärten Europa auch immer fremd bleiben. Diese historisierenden Erklärungsmuster nimmt Reinhard Olschanski in seinem Buch "Ressentiment" genauer unter die Lupe.

Olschanski, promovierter Philosoph und lange Jahre unter anderem im politischen Berlin tätig, kann alleine durch seinen biographischen Hintergrund sowohl die intellektuelle wie auch alltäglich-politische Seite gleichsam "von innen" heraus nachvollziehen. "Ressentiment" versteht Olschanski dabei als eine duale Erklärungsstruktur, die über die Ablehnung vom Fremden und Anderen ermöglicht, sich selbst zu verstehen und zu definieren. Direkt zu Anfang des Buches beschreibt der Autor eine solche, typische ressentiment-schürende Politaktion des inzwischen – glücklicherweise darf man sagen – nicht mehr ganz so präsenten Rechtspopulisten Geert Wilders. Dieser hatte vor wenigen Jahren einen „Meldpunt Midden- en Oost-Europeanen" einrichten lassen, eine, wie Olschanski schreibt, „Meldestelle für ‚Störungen’ durch Mittel- und Osteuropäer, die aus der Freizügigkeit angeblich resultieren." (7) Und er fährt fort: „Zwei Ortsbestimmungen waren für die Abgabe einer Meldung verbindlich: die Anzeige des Ortes der Störung in den Niederlanden sowie die Herkunft der ‚Störer’ aus der Region Ost- und Mitteleuropa. Letztere wurden so mit zwei Zeigegesten identifiziert: von ‚Dort’ herkommend und ‚Hier’ störend." (7f.)

Schon in dieser Erläuterung wird die Denkfigur des Ressentiments deutlich: Das Anzeigen vermeintlicher „Störungen“ ist bei Weitem nicht nur eine unidirektionale Handlung, sondern impliziert einen Verweisungszusammenhang, der auf sich selbst rückwirkt. Mit anderen Worten: Im Zeigen als ein Anzeigen angeblicher Störer identifiziert und definiert man auch sich selbst als jemand, der dieses nicht ist und vielmehr zur Masse „anständiger Menschen“ eines Landes gehört. An vielen anderen Stellen schlägt Olschanski mit diesem Gedanken Brücken zur Soziologie, die wie keine andere Wissenschaft die Frage nach dem Leben in einer komplexen, modernen Gesellschaft stellt: „Das Anliegen, sich reflexiv einer nur vorreflexiv möglichen Vornehmheit zu versichern, ist ein Versuch, sich am eigenen Schopf aus der intersubjektiven Welt der Moderne herauszuziehen.“ (20) Kern des Ressentiments ist also genau dieses: Eine explosive Mischung aus Angst und Unsicherheit in einer zunehmend komplexen Gesellschaft, die von Brüchen, Veränderungen und, wie der Soziologe Ronald Hitzler sagt, „Bastelexistenzen“ gekennzeichnet ist – mit dem probaten Mittel der „Flucht nach vorne“, dem Hass und der Ablehnung von allem scheinbar Fremden.

Den größten Teil des Buches nimmt ein historisch-ideengeschichtlich angelegter Gang durch die europäische Geschichte ein, in dem nach ähnlichen "historischen Dualen", wie Olschanski sagt, gesucht wird – darunter solche Gegenüberstellungen wie "Christen vs. Juden, Heiden und Ketzer", "Europa vs. Rest" oder "Nation vs. Nation". Besonders spannend ist dabei im Kapitel „Europa vs. Rest" die Nachzeichnung der im 16. und 17. Jahrhundert beginnenden „Säkularisierung des Ressentiments in Aufklärung und Wissenschaft“, womit Olschanski die beginnende Loslösung der Wissenschaft vom mittelalterlichen Christentum meint. Letztlich immer wieder als Beginn der Aufklärung und somit fast ausschließlich positiv konnotiert, weist Olschanski darauf hin, dass sich auch die Widersacher des Christentums (wie z.B. Voltaire) der Sprache des Ressentiments bedienen, um sich selbst vom "Gegner" abzugrenzen: "Daneben entwickelt sich aber auch ein im engeren Sinne ‚wissenschaftlicher’ Rassismus, der wichtige Elemente und Strukturen des alten, religiös motivierten Ressentiments in neue, diesseitig begründete Ressentimentstrategien überführt – nachdem die Aufklärung und moderne Wissenschaftsentwicklung selbst die zweite, transzendente Karte des religiösen Ressentiments über weite Strecken delegitimiert haben. Der wissenschaftliche Rassismus ‚modernisiert’ die religiöse Ausgrenzungslogik und vollzieht auf seine Weise die Aufklärungsbewegung mit – als dessen eigentümliche Verkehrung und Spiegelung." (105f.)

Es ist nicht überraschend und liegt an der breit angelegten Quellenarbeit Olschanskis, dass man am Ende dieses Kapitels den Eindruck hat, dass es jene Ressentiments noch heute gibt. Genau darin liegt auch ein Kernanliegen des Autors: Es handelt sich bei diesem Buch um eine radikale Absage an eine immer noch verbreitete teleologische Lesart der europäischen Geschichte – der Versuch, Europa als ein Projekt zu verstehen, dass sich gleichsam von alleine und mit einer eingeschriebenen Erfolgsgarantie in ein humanistisch-weltoffenes, postnationalistisches Politprojekt entwickeln wird. "Im Gegentei" würde Olschanski sagen: Die Geschichte Europas ist voll von Ressentiments; es hat sie immer gegeben, und gerade deshalb gibt es sie auch noch heute: die Populisten, die mit Blick auf eine vermeintliche Tradition Europas auf billigen Stimmenfang gehen – leider auch im europäischen „Kern“ wie den Niederlanden, Frankreich und neuerdings Polen (ebenso wie Deutschland mit Parteien wie der AfD und weiten Teilen der CSU).

Wer nun jedoch glaubt, es handle sich bei diesem Buch um eine zynische Abrechnung mit Europa, der irrt. Gegen Ende werden ansatzweise Möglichkeiten skizziert, wie die stetige Wiederholung der Ressentiments bekämpft werden könnte. Generell: "Gerechte Globalisierung besteht gerade nicht im Schüren von Ressentiment, sondern in der Gestaltung von rechtlichen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen, die die neuen und sich ausweitenden grenzüberschreitenden Prozesse human und für alle Beteiligten vorteilhaft gestalten." (222) Als Beispiele spricht Olschanski bereits bestehende Ansätze in verschiedensten Bereichen des öffentlichen Lebens an – so die Generation der "Erasmus"-Studierenden, die durch Kennenlernen anderer Kulturen gegen Ressentiments immunisiert werden können, das „Diversity Management“ großer Unternehmen, die schon längst die Notwendigkeit sehen, kulturelle Unterschiede von Mitarbeitern als Chance zu nutzen oder auch die Kreativindustrie, die wie kaum eine andere von kultureller Vielfalt profitiert (die Implikationen des geplanten TTIP-Abkommens für Kulturschaffende laden zu weitergehender Diskussion ein). All diese Aspekte sollen stetig zu einem Prozess der "Denationalisierung" führen, dessen Vervollkommnung Olschanski in gewisser Weise als Lösung des Grundproblems und dem Austrocknen der Quelle weiterer Ressentiments erkennt.

All dies sind zwar mehr Vorschläge und Aufzählungen denn bis zum Ende durchstrukturierte politische Lösungen. Als im Vagen bleibende linke Proklamation, wie dies in so mancher Rezension anklingt, ist Olschanskis Entwurf allerdings keineswegs zu verstehen – allein der Blick in seine bereits angesprochene Biographie zeigt, dass es sich bei diesem Autor keineswegs um einen rein theoriegeleiteten Sonntagsredner handelt, sondern um jemanden, der den Politikbetrieb sehr gut kennt. Natürlich ist es immer eine Möglichkeit, die realpolitische Karte zu spielen und zu sagen, derlei visionäre Ideen seien träumerisch. Umgekehrt aber muss man sich dann die Frage gefallen lassen, wie tatsächlicher Fortschritt in der Politik zustande kommen soll, wenn nicht durch derartige Zukunftsentwürfe. Ist nicht auch ein allzu realpolitischer Merkelianismus dafür verantwortlich, dass sich schrille Ressentiments zunehmend in die Alltagssprache politischen Handelns hineinfressen? Olschanski gibt mit seinem Buch eine klare Antwort und weist in eine andere Richtung. Man sollte sich trauen, ihr zu folgen.

 

© David Emling