Mehr als 10 Jahre Krieg – Und keinen interessiert’s!?

Diskussionsveranstaltung mit drei Impulsvorträgen

Seit 2001 – fast doppelt solange wie der gesamte Zweite Weltkrieg – ist die Bundeswehr im Norden Afghanistans stationiert. Sie setzt mehr als 5000 Soldaten im Land am Hindukusch ein, die lange Zeit offiziell nur einem Stabilisierungseinsatz nachgingen. 2009 wurde seitens des Verteidigungsministeriums eingeräumt, dass man „umgangssprachlich von Krieg reden“ könne. Manche sehen in diesem Verschweigen der afghanischen Realität einen politisch gewollten Vorgang und als Resultat der spät erfolgten begrifflichen Korrektur einen Scherbenhaufen der Informationspolitik des Ministeriums. Andere erklären diese späte Erkenntnis damit, dass es am Hindukusch einen nicht-internationalen bewaffneten Konflikt gibt, der mit einer Art von „kriegsähnlichem Zustand“ einhergeht, völkerrechtlich aber nicht als Krieg bezeichnet werden kann. Ein Umstand, der die Einsicht, dass die Bundeswehr faktisch dort wie in einem regulären Krieg kämpft, erst verspätet bei der politischen Klasse habe reifen lassen.

Fest steht, dass in einer repräsentativen Befragung 2009 eine große Mehrheit der Bundesbürger bezweifelte, dass die Bundesregierung umfassend und ehrlich über den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan informiert habe. Dies ist schon deshalb bemerkenswert, da die Bundeswehr in Afghanistan im Namen der Weltgemeinschaft in einem legitimierten Krieg für eine gerechte Sache steht, dessen Auftrag zudem immer wieder erneut durch den Deutschen Bundestag demokratisch bestätigt wurde.

Ob man sich nun dem Vorwurf anschließt, die herrschende Klasse habe jahrelang bewußt Nebelkerzen geworfen oder ob man anstelle eines Verschweigens ein Verkennen der Realität zugrunde legt, offensichtlich und unstrittig ist, dass es größere militärische Operationen in Afghanistan unter deutscher Beteiligung gegeben hat, die die heimische Öffentlichkeit entweder nicht interessiert oder nicht weiter zur Kenntnis genommen hat. Abgesehen von der anfänglich noch beachteten Schlacht um Tora Bora im Dezember 2001, waren deutsche Soldaten an den Operationen Anaconda (2002), Mountain Fury (2006/07), Harekate Yolo (2007), Karez (2008), Oqab (2010), Toahid (2010) und Halmazag (2010) beteiligt, ohne dass dies nennenswerten Widerhall in den deutschen Medien und in der Öffentlichkeit gefunden hat.

Trugen vor gut hundert Jahren im Ersten Weltkrieg sowohl eine Vielzahl von staatlichen Einrichtungen als auch die Bevölkerung schriftliches Quellenmaterial des Kriegsgeschehens zusammen, beteiligten sich damals Künstler wie Egon Schiele, Rainer Maria Rielke und Franz Werfel aktiv an der Kriegspropaganda und wurden seitens der Bevölkerung Material- und Geldsammlungen für die Armee vorgenommen, haben wir es heutzutage mit einer geradezu gleichgültigen Öffentlichkeit zu tun. Liegt dies an mangelnder Information wie die 2009-Befragung suggeriert oder ist diese schlichtweg desinteressiert am Schicksal der für sie kämpfenden Soldaten?

Während die politische Führung womöglich über die geringe Aufmerksamkeit erfreut ist, die sie zumindest scheinbar nicht zwingt, sich neben der politischen Frage der Einsatzführung noch zusätzlich mit einer eventuell kritischen oder gar widerspenstigen Öffentlichkeit auseinanderzusetzen, leiden die Soldaten oftmals erheblich darunter, dass ihr Einsatz für das Vaterland keine Würdigung findet. Viele Soldaten fühlen sich von der deutschen Öffentlichkeit nicht genügend unterstützt.

Neben diesen Veränderungen in der deutschen Mentalitätsgeschichte betrifft das Phänomen auch die Politische Philosophie. Bereits in seinem Frühwerk Strukturwandel der Öffentlichkeit verwies Jürgen Habermas darauf, dass die sozialstaatlichen Massendemokratien sich ihrem normativen Selbstverständnis zufolge nur so lange in einer Kontinuität mit den Grundsätzen des liberalen Rechtsstaates sehen dürfen, wie sie das Gebot einer politisch fungierenden Öffentlichkeit ernst nehmen. Dies wirft Fragen auf, die von Hauptmann Markus Lautenschläger als Vertreter der Bundeswehr, Kurt Möser (Neue  und Neueste Geschichte) und Ulrich Arnswald (Politische Philosophie) in Form kurzer  pointierter Impulsvorträge aufgegriffen werden, bevor sich eine intensive Diskussion im  Plenum anschließen soll. Die Diskussion wird von Esther Weickel moderiert.

 

 

Datum und Ort: 

Donnerstag, 14. Juni 2012, 19 Uhr, im Foyer des Instituts für Philosophie, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Campus Süd, Kollegium am Schloss, Geb. 20.12. 

Der Eintritt ist frei.