John Dewey, Liberalismus und gesellschaftliches Handeln. Gesammelte Aufsätze 1888 bis 1937

 

John Dewey, Liberalismus und gesellschaftliches Handeln. Gesammelte Aufsätze 1888 bis 1937. Herausgegeben und übersetzt von Achim und Nora Eschbach, Tübingen: Mohr Siebeck 2010, 262 S., ISBN 978-3-16-150529-4

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Von John Dewey liegen seit den 1930er-Jahren Bücher in deutscher Übersetzungvor. Interessanterweise ist aus der Abfolge der Übersetzungen ersichtlich, dass das Werk sich in den letzten drei Jahrzehnten eines stetig steigenden und in Form einer Reihe von neuen Übersetzungen niederschlagenden Interesses erfreut. Dies wirft die Frage auf, warum Dewey eine solche Nachfrage erfährt. Der vorliegende, von Achim und Nora Eschbach herausgegebene Band, dem ein Text von Ralf Dahrendorf vorangestellt ist, gibt Antwort: Er stellt nicht nur erstmalig in historisch systematischer Sicht Deweys Überlegungen zum Verhältnis von Liberalismus und gesellschaftlichem Handeln vor, sondern macht paradigmatisch dessen Aktualität deutlich. Einige Aufsätze sind so geschrieben, als wäre ihre Zeit erst jetzt in der gegenwärtigen Krise der liberalen Demokratie und des Wirtschaftsliberalismus gekommen.

Die Weitsicht des amerikanischen Denkers ist sowohl beeindruckend als auch erschreckend – Letzteres vor allem, da die von ihm aufgeworfenen Probleme des Liberalismus gut hundert Jahre später noch virulent sind, ohne überhaupt jemals von den Regierenden und der ökonomischen Elite in ihrer Tiefenschärfe analysiert worden zu sein. Die aktuelle globale ökonomische, ökologische sowie demographische Krisenlage belegt dies. Man kommt nicht umhin sich zu fragen, warum Dewey bis dato nicht intensiver studiert wurde. Dies ist umso erstaunlicher, als seine Reflexionen ausgerechnet auf die Entwicklung einer kritischen Handlungstheorie abzielen. Die Bemühungen des Philosophen stellen darauf ab, als Impulse einer modernen verantwortbaren Orientierung in der Politik zu dienen und beziehen sich immer schon auf die ethische und pragmatische Dimension der politischen Praxis.

Dewey, der kurzzeitig bei Charles Sander Peirce, einem der Gründer des amerikanischen Pragmatismus, Hörer war, wurde von diesem nachhaltig beeinflusst. Der Pragmatismus ist die Grundlage seiner Philosophie, die sich mit den drängenden sozialen und politischen Problemen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts auseinandersetzt. Die im Band zusammengestellten Einzelstudien befassen sich mit Aspekten wie der Ethik von Wissenschaftlern, den Problemen der Logik und Methodik der Forschung, der Technikfolgenabschätzung, den Freiheitsphilosophien, der Ethik der Demokratie, den Elementen gesellschaftlicher Neuorganisation, der Gleichheit, den bürgerlichen Freiheiten, aber auch dem sozialen Fortschritt sowie dem gesellschaftlichen Wandel einerseits und Absolutismus andererseits.

Exemplarisch seien drei Aufsätze genannt: In Die Ethik der Demokratie zeigt Dewey wie das ökonomische und industrielle Leben in der Demokratie einen Beitrag "zur Realisierung der Persönlichkeit durch Ausbildung einer höheren und vollständigeren Einheit der Menschen" leisten soll. Sprich: Er erläutert, warum die Wirtschaft im Liberalismus den Menschen dienen soll und nicht andersherum die Menschen Diener der Wirtschaft sein sollen. Zeitgemäßer geht es kaum. Der Liberalismus strebt die Freiheit – auch die ökonomische – zur Realisierung der individuellen Ziele möglichst aller Menschen an, nicht die Unterordnung dieser unter die Wirtschaft. In Erziehung für eine sich wandelnde Gesellschaftsordnung verweist er auf die Gefahr einer die Menschen nicht auf den Wandel vorbereitenden Erziehung. Ziel einer liberalen Gesellschaft muss es sein, ein intelligentes Verständnis der aktuellen Bedingungen zu ermöglichen und individuelle Untersuchungen zukünftiger Bedürfnisse und zukünftigen Wandels anzuregen. Dies zwingt die Gesellschaft – in einem richtig verstandenen Sinn – einen gewissen Grad an Unordnung und Offenheit für die Zukunft zu belassen. Im HauptaufsatzLiberalismus und gesellschaftliches Handeln geht es um die richtige Methode zum Erreichen des notwendigen gesellschaftlichen Wandels. Diese sieht Dewey primär in der Verwendung von kollektiver "Intelligenz" gegeben, ein Begriff, den man heute wohl eher als das öffentliche Gut „Wissen“ umschriebe. Es handelt sich also um ein äußerst aktuelles Thema der ökonomischen Theorie. Das eingeforderte öffentliche Gut "Intelligenz" geht mit dem von Dewey angestrebten Perspektivwechsel auf eine sozialisierte Ökonomie als Mittel für eine Entwicklung einher, die wiederum "die Befreiung der Fähigkeiten der Individuen zu freiem selbstinitiierten Ausdruck" als ein Bestandteil des Liberalismus zum Ziel hat.

Dewey versucht in den Aufsätzen durchgängig eine bestimmte Denkweise, nämlich die des pragmatischen Wissenschaftsverständnisses, für die Untersuchung verschiedenartiger Verhaltenskontexte fruchtbar zu machen. Mittels dieses Wissenschaftsverständnisses entwickelt er ein Handlungskonzept, dass die Verantwortung des Einzelnen für sein eigenes Handeln thematisiert und in den Vordergrund stellt, um zugleich darauf abzuzielen, real existierende gesellschaftliche Probleme einer Lösung zuzuführen, so dass diese plausible, verantwortbare und stabile Resultate zeitigen. Letzteres gelingt mit Verweis auf die Unzulänglichkeiten und Widersprüche von Extrempositionen, die die gesellschaftlichen Mechanismen und deren Folgen verkennen. Seine eigene Position leitet sich aus einer historischen Analyse diverser Entwicklungsstadien des Liberalismus ab. Ziel dieser Herangehensweise ist die Entwicklung eines Kriterienkatalogs, der die verantwortliche Gestaltung einer menschenwürdigen Zukunft erlauben soll. Deweys Pragmatismus stellt die tätige Mitwirkung eines jeden Menschen im Rahmen seines gesellschaftlichen Kontextes in den Fokus der Aufmerksamkeit, was seinen Ansatz von dem blinden Vertrauen in die sich selbst heilenden Marktkräfte unterscheidet: Es geht ihm um eine an den Idealen von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit orientierte Theorie der gesellschaftlich verantwortbaren Handlungen.

Ein philosophischer Denker, der in solchen Verweisungszusammenhängen zu reflektieren vermag, unterscheidet Typifikationen des Liberalismus, wo andere nicht einmal ansatzweise Unterschiede zu erkennen vermögen. Inmitten einer heutzutage durch die Begrifflichkeiten der Marktideologie fixierten Vorstellung, dass der Markt das einzige Modell für moderne Gesellschaften sei – man denke nur an Margaret Thatchers berühmtes Diktum There is no such thing as society –, stellt Deweys sozial ausgerichteter und nicht auf den profanen Marktmechanismus fixierter, sondern methodisch begründeter Liberalismus eine wohltuende Alternative dar. Seine Lesart des Liberalismus basiert auf einer pragmatisch fundierten Theorie der wissenschaftlichen Forschung und einer an den Prinzipien der Demokratie ausgerichteten Erziehung, die er als ein offenes Programm und eine fortwährende Verpflichtung im stetigen Bemühen um Handlungssicherheit beschreibt.

Die Problematisierung des marktfetischistisch reduzierten Liberalismus und das Aufzeigen einer Alternative innerhalb der Spielart des Liberalismus machen den Philosophen Dewey in Zeiten der Individualisierung und Globalisierung zu einer Leitfigur für das Modell eines moderaten gesellschaftlichen Liberalismus – dies vor allem nach dem in der Finanzkrise manifestierten katastrophalen Scheitern der Ideologie des ungehemmten, unregulierten Kapitalismus neoliberaler Prägung. Eine solche Neuausrichtung scheint dringender denn je geboten, wenn der Liberalismus als Gesellschaftsmodell Bestand haben soll. Der verdienstvoll zusammengestellte Band stellt einen gelungenen Anfang für eine unabdingbare Diskussion über die Zukunft des Liberalismus dar.

 

© Ulrich Arnswald