Jürgen Habermas u. Joseph Ratzinger, Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion

 

Jürgen Habermas u. Joseph Ratzinger, Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion. Mit einem Vorwort herausgegeben von Florian Schuller, Freiburg im Breisgau: Herder 2005, 64 S., ISBN 978-3-451-28869-2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     

Das vorliegende Buch dokumentiert das Zusammentreffen eines der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart, Jürgen Habermas, und des damaligen Präfekten der römischen Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, der sich seit der Wahl zum Papst 2005 Benedikt XVI. nennt. Das Gespräch mit dem Titel Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates befasste sich mit den Grundlagen unserer säkularen, westlichen Gesellschaft, die der Kardinal in Überlegungen zur Struktur des interreligiösen, weltweiten Dialogs weitergeführt hat.

 

Auf den ersten Blick erscheint in der öffentlichen Wahrnehmung Ratzinger mit seiner Sicht von Gott, Mensch und Welt als die Personalisierung des katholischen Glaubens, Habermas hingegen als die des liberalen, individuellen, säkularen Denkens. Dennoch bot sich ein Dialog an, denn Habermas hat kurz nach dem 11. September 2001 für viele überraschend gefordert, dass die säkulare Gesellschaft ein neues Verständnis für religiöse Überzeugungen entwickeln müsse. Der sich als „religiös unmusikalisch“ bezeichnende Philosoph sieht in diesen mehr als nur Relikte einer Vergangenheit. Vielmehr stellen die religiösen Überzeugungen für ihn eine „kognitive Herausforderung“ für die Philosophie dar, mit der sich diese auseinanderzusetzen habe. Obwohl beide Denker der Überzeugung sind, im „operativen Bereich“ zu ähnlichen Konsequenzen in der Grundlegung ethischen Verhaltens zu gelangen, sind ihre Grundannahmen und Argumentationsformen grundsätzlich verschieden. Während Habermas auf die Kraft und Akzeptanz des ausformulierten Rechts setzt, ist für Ratzinger der „Motivationshumus“ der Religion die Basis.

Die normative Erwartung an die religiösen Gemeinden seitens des liberalen Staates trifft sich laut Habermas insofern mit deren Interessen, als diesen damit die Möglichkeit eröffnet wird, über die politische Öffentlichkeit Einfluss auf die Gesellschaft auszuüben. Die ungläubigen Bevölkerungsschichten kämen ebenso nicht kostenlos in den Genuss der negativen Religionsfreiheit, denn von ihnen wird die Einübung in einen selbstreflexiven Umgang mit den Grenzen der Aufklärung erwartet. Liberal verfasste pluralistische Gesellschaften muteDie normative Erwartung an die religiösen Gemeinden seitens des liberalen Staates trifft sich laut Habermas insofern mit deren Interessen, als diesen damit die Möglichkeit eröffnet wird, über die politische Öffentlichkeit Einfluss auf die Gesellschaft auszuüben. Die ungläubigen Bevölkerungsschichten kämen ebenso nicht kostenlos in den Genuss der negativen Religionsfreiheit, denn von ihnen wird die Einübung in einen selbstreflexiven Umgang mit den Grenzen der Aufklärung erwartet. Liberal verfasste pluralistische Gesellschaften muten somit nicht nur den Gläubigen im Umgang mit Ungläubigen und Andersgläubigen die Einsicht zu, dass sie vernünftigerweise mit dem Fortbestehen eines Dissenses zu rechnen haben, sondern auch Ungläubigen wird Toleranz im Umgang mit Gläubigen abverlangt. Die weltanschauliche Neutralität der Staatsgewalt erlaube nicht die politische Verallgemeinerung einer säkularistischen Weltsicht. Säkularisierte Bürger dürften in ihrer Rolle als Staatsbürger weder grundsätzlich religiösen Weltbildern ein Wahrheitspotential absprechen, noch den gläubigen Mitbürgern das Recht abstreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen. In einer liberalen politischen Kultur kann man von den säkularisierten Bürgern erwarten, dass sie relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen versuchen.

Joseph Ratzinger sieht hingegen in der gegenwärtigen Beschleunigung der geschichtlichen Entwicklung zwei Kennzeichen: Da ist zum einen die Ausbildung einer interdependenten Weltgesellschaft, in der die einzelnen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Mächte sich immer mehr berühren und durchdringen. Zum anderen gebe es die Entwicklung von Möglichkeiten der Macht des Machens und des Zerstörens, die weit über alles bisher Gewohnte hinaus die Frage nach der rechtlichen und sittlichen Kontrolle der Macht aufwerfe. Daher sei dringend zu hinterfragen, wie sich begegnende Kulturen ethische Grundlagen eines gemeinsamen Miteinanders finden können. Dies bedeute zunächst, dass die faktische Nichtuniversalität der beiden großen Kulturen des Westens in Form des christlichen Glaubens und der säkularen Rationalität akzeptiert werden muss. Unsere säkulare Rationalität sei nicht jeder Ratio einsichtig und stoße daher auf Grenzen. Ihre Evidenz sei an bestimmte kulturelle Kontexte gebunden. Zudem räumt Ratzinger ein, dass es in der Religion gefährliche Pathologien gebe, die es nötig machen, „das göttliche Licht der Vernunft“ als ein Kontrollorgan zu akzeptieren. Ebenso aber gebe es Pathologien der Vernunft. Eine Hybris der Vernunft wie z.B. die Atombombe oder der Mensch als Produkt sei nicht weniger gefährlich. Deswegen müssen umgekehrt auch die Grenzen der Vernunft bedacht werden und diese von den religiösen Überlieferungen der Menschheit lernen. Wenn sich die Vernunft hingegen völlig emanzipiere, würde sie zerstörerisch. Daher hält Ratzinger eine Korrelationalität von Vernunft und Glaube für geboten. Diese Korrelationalität des christlichen Glaubens und der westlich säkularen Rationalität würde die Weltsituation maßgeblich bestimmen und müsse im interkulturellen Kontext unserer Gegenwart konkretisiert werden. Dennoch dürfe man andere Kulturen nicht als eine Art „quantité négligeable“ beiseite schieben, denn dies wäre westliche Hybris, die wir teuer bezahlen müssten und zum Teil schon bezahlen. Nur dadurch, dass man sich auf die anderen Kulturen einlässt, könne ein universaler Prozess der Reinigungen wachsen, in dem letztlich die von allen Menschen irgendwie gekannten oder geahnten wesentlichen Werte und Normen wieder zu der wirksamen Kraft werden, die die Welt zusammenhält.

Der Dialog zwischen dem Philosophen und dem Kardinal steckt in starker Übereinstimmung die Sphären von Religion und Vernunft ab. Beide Seiten erkennen die Sichtweise des anderen als andersartige und zugleich bereichernde an. Die Toleranz mag politisch wünschenswert sein, letztlich basiert sie aber auf der Einsicht in die jeweils beschränkte Reichweite der eigenen Sache. Ratzinger begrüßt die Vernunft als Korrektiv des religiösen Glaubens, Habermas wiederum die religiösen Empfindungen als bedeutsame Einsichten für die Philosophie jenseits des Vernunftprimats. So sympathisch die Dialektik der Säkularisierung dem Leser daherkommt, sie ist zugleich ein Manifest des Scheiterns und der Begrenztheit der ursprünglich universalen Konzepte von Glaube und Vernunft im Angesicht postmoderner Gesellschaften. Vernunft und Religion geben sich damit zufrieden, nur noch teilweise Wahrheit und Moral vertreten zu können. Dies macht den hier dokumentierten Dialog so lesenswert.n somit nicht nur den Gläubigen im Umgang mit Ungläubigen und Andersgläubigen die Einsicht zu, dass sie vernünftigerweise mit dem Fortbestehen eines Dissenses zu rechnen haben, sondern auch Ungläubigen wird Toleranz im Umgang mit Gläubigen abverlangt. Die weltanschauliche Neutralität der Staatsgewalt erlaube nicht die politische Verallgemeinerung einer säkularistischen Weltsicht. Säkularisierte Bürger dürften in ihrer Rolle als Staatsbürger weder grundsätzlich religiösen Weltbildern ein Wahrheitspotential absprechen, noch den gläubigen Mitbürgern das Recht abstreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen. In einer liberalen politischen Kultur kann man von den säkularisierten Bürgern erwarten, dass sie relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen versuchen.

Joseph Ratzinger sieht hingegen in der gegenwärtigen Beschleunigung der geschichtlichen Entwicklung zwei Kennzeichen: Da ist zum einen die Ausbildung einer interdependenten Weltgesellschaft, in der die einzelnen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Mächte sich immer mehr berühren und durchdringen. Zum anderen gebe es die Entwicklung von Möglichkeiten der Macht des Machens und des Zerstörens, die weit über alles bisher Gewohnte hinaus die Frage nach der rechtlichen und sittlichen Kontrolle der Macht aufwerfe. Daher sei dringend zu hinterfragen, wie sich begegnende Kulturen ethische Grundlagen eines gemeinsamen Miteinanders finden können. Dies bedeute zunächst, dass die faktische Nichtuniversalität der beiden großen Kulturen des Westens in Form des christlichen Glaubens und der säkularen Rationalität akzeptiert werden muss. Unsere säkulare Rationalität sei nicht jeder Ratio einsichtig und stoße daher auf Grenzen. Ihre Evidenz sei an bestimmte kulturelle Kontexte gebunden. Zudem räumt Ratzinger ein, dass es in der Religion gefährliche Pathologien gebe, die es nötig machen, „das göttliche Licht der Vernunft“ als ein Kontrollorgan zu akzeptieren. Ebenso aber gebe es Pathologien der Vernunft. Eine Hybris der Vernunft wie z.B. die Atombombe oder der Mensch als Produkt sei nicht weniger gefährlich. Deswegen müssen umgekehrt auch die Grenzen der Vernunft bedacht werden und diese von den religiösen Überlieferungen der Menschheit lernen. Wenn sich die Vernunft hingegen völlig emanzipiere, würde sie zerstörerisch. Daher hält Ratzinger eine Korrelationalität von Vernunft und Glaube für geboten. Diese Korrelationalität des christlichen Glaubens und der westlich säkularen Rationalität würde die Weltsituation maßgeblich bestimmen und müsse im interkulturellen Kontext unserer Gegenwart konkretisiert werden. Dennoch dürfe man andere Kulturen nicht als eine Art „quantité négligeable“ beiseite schieben, denn dies wäre westliche Hybris, die wir teuer bezahlen müssten und zum Teil schon bezahlen. Nur dadurch, dass man sich auf die anderen Kulturen einlässt, könne ein universaler Prozess der Reinigungen wachsen, in dem letztlich die von allen Menschen irgendwie gekannten oder geahnten wesentlichen Werte und Normen wieder zu der wirksamen Kraft werden, die die Welt zusammenhält.

Der Dialog zwischen dem Philosophen und dem Kardinal steckt in starker Übereinstimmung die Sphären von Religion und Vernunft ab. Beide Seiten erkennen die Sichtweise des anderen als andersartige und zugleich bereichernde an. Die Toleranz mag politisch wünschenswert sein, letztlich basiert sie aber auf der Einsicht in die jeweils beschränkte Reichweite der eigenen Sache. Ratzinger begrüßt die Vernunft als Korrektiv des religiösen Glaubens, Habermas wiederum die religiösen Empfindungen als bedeutsame Einsichten für die Philosophie jenseits des Vernunftprimats. So sympathisch die Dialektik der Säkularisierung dem Leser daherkommt, sie ist zugleich ein Manifest des Scheiterns und der Begrenztheit der ursprünglich universalen Konzepte von Glaube und Vernunft im Angesicht postmoderner Gesellschaften. Vernunft und Religion geben sich damit zufrieden, nur noch teilweise Wahrheit und Moral vertreten zu können. Dies macht den hier dokumentierten Dialog so lesenswert.


© Ulrich Arnswald