Ian Buruma u. Avishai Margalit, Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde

 

Ian Buruma u. Avishai Margalit, Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde, Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn, München: Hanser 2005, 159 S., ISBN 978-3-446-20614-4

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     

Ian Buruma und Avishai Margalit haben ihr Buch Okzidentalismus, eine Erweiterung ihres gleichnamigen Aufsatzes in The New York Review of Books vom Januar 2002 (dtsch.: Okzidentalismus oder Der Hass auf den Westen, in: Merkur, 56. Jhrg. (2002), 277-288), als Gegenstück zu Edward Saids 1978 erschienenem Buch Orientalismus (dtsch.: Edward W. Said, Orientalismus, Frankfurt am Main: Ullstein 1981) konzipiert, der einst mit seinem Standardwerk der Postkolonialismusforschung aufzeigte, wie der europäische Imperialismus den Orient kulturell erst projektiert hat. Der amerikanische Literaturwissenschaftler aus Palästina hielt uns jenen in Filmen, Romanen, in der Kunst und im ganzen öffentlichen Leben gepflegten Kanon aus Exotik und Erotik, aus Sinnenfreude und aus Repression, aus Sitten- und Sippenstrenge und deren oft unmenschlichem Ehrbegriff vor, den der Westen als Destillat aus Jahrhunderten von Kolonialismus und dessen Legitimationsbemühungen als Bild des Orients konstruiert hatte. Dabei galten die Eingeborenen zum Zwecke ihrer Domestizierbarkeit als degeneriert und zivilisatorisch rückständig. Ohne Saids Orientalismus ist Burumas und Margalits Okzidentalismus nur schwer denkbar, denn in beiden Fällen geht es um tief verwurzelte Fantasievorstellungen, die das Verhältnis von Orient und Okzident entscheidend prägen. Erstaunlich ist, dass sich bei aller Anlehnung an Said im Register kein Eintrag unter seinem Namen finden lässt, obwohl es in dem den Buch zugrunde liegendem Aufsatz Okzidentalismus explizit heißt: „Der Begriff ‚Okzidentalismus’ ist eine sarkastische Analogiebildung zu Edward Saids Konzept des ‚Orientalismus’(…).“ (Said 2002, 279)

Okzidentalismus ist für die Autoren das Spiegelbild des Orientalismus. Es kehrt den Blick um, auch wenn sich dieses Phänomen geographisch nicht eindeutig festlegen lässt, da der Okzidentalismus überall anzutreffen ist. Dem stereotypen Bild des Orients im Westen entspräche ein ebenso vorgerastertes Bild des Abendlandes im Orient. Dieses von den Eliten interessengelenkte Konstrukt sei ein entmenschlichendes Bild des Westens, der Elend und Unterdrückung in die Welt bringt. Das Buch zielt darauf ab, die allgemeine Verdachtshaltung gegenüber dem Westen zu untersuchen, die Antriebskräfte des Okzidentalismus zu verstehen, aber auch die zahlreichen historischen Spuren anti-westlichen Denkens dingfest zu machen. Die Hauptthese lautet, dass der Kampf des Islamismus gegen den Westen seine Ursprünge im Westen selbst hat.

Buruma und Margalit definieren Okzidentalismus als den blinden Hass gegen die Errungenschaften liberaler Gesellschaften, für dessen Motive auch westliche Intellektuelle bis heute Sympathie hegen. In den Augen der Okzidentalisten sei der Westen oberflächlich, materialistisch, zügellos, wehleidig, schwächlich und bequem, und als dekadente Zivilisation zudem vergnügungssüchtig. Sie setzen ihn mit Götzendienst, Kommerz, Libertinage sowie Gottlosigkeit gleich und reduzieren somit eine ganze Zivilisation auf eine Masse seelenloser, dekadenter, geldgieriger, entwurzelter, ungläubiger und gefühlloser Parasiten. Dies sei eine Form intellektueller Zerstörung, die, wenn die Vorstellung von der Minderwertigkeit anderer revolutionäre Züge annimmt, zur Vernichtung von Menschen führt. Der Angriff auf den Westen sei daher ein Angriff auf den Geist des Westens, der von den Okzidentalisten häufig als eine Art höhere Idiotie dargestellt wird.

Die Abneigung und Verachtung, die dem Westen heute entgegenschlagen, sehen die Autoren in der westlichen Kultur und Lebensweise begründet. Nach ihrer Auffassung sind es vor allem vier westliche Attribute, die den Zorn der islamischen Welt auf sich ziehen: die Metropolen als sündhafte Symbole eines dekadenten und frivolen Kosmopolitismus; das nicht mehr opferbereite, aus islamischer Sicht degenerierte und verweichlichte Bürgertum; die Wissenschaft und Vernunft als Sünde des Rationalismus, der sich anmaßt, zu glauben, mittels der Vernunft könne der Mensch alles wissen und erkennen; sowie die Gleichstellung der Frau, obwohl die Ehre eines jeden Mannes vom Verhalten der ihm zugehörigen Frauen abhängt.

Auf der Propaganda-Ebene bietet die Orient-Okzident-Dichotomie eine gewisse Entlastung im Sinne der übersichtlichen Abgrenzung der eigenen Gruppe von den anderen: Liberaler Westen hier, doktrinäre, atavistische Bewegungen dort. In der Konfiguration Okzidentalisten versus Nicht-Okzidentalisten ordnen sich scheinbar Gesellschaften auf globaler Ebene ähnlich simpel wie einst die Einordnungsmechanismen manichäischer Gemeinden. Obwohl die Auflehnung, wie die Autoren selbst warnen, vielerlei Gründe haben kann, z.B. nicht jeder Feind des Westens religiös motiviert sein muss, lässt dies Buruma und Margalit die einmal getroffene holzschnitzartige Grobeinteilung nicht hinterfragen. Einerseits stellen sie fest, dass linksradikale Gegner des „US-Imperialismus“ nicht mit radikalen Islamisten in einen Topf geworfen werden dürfen, andererseits wird nicht klar, warum eigentlich nicht.

Schließlich ist ja jede Art von Kritik an der westlichen Kultur verdächtig. Die Tatsache, dass dieses Unbehagen nur selten in revolutionäre Gewalt umschlägt, ist keine hinreichende Differenzierung zwischen hasserfülltem Okzidentalismus und noch hinnehmbarer Kritik. Ansonsten hätte es nie Revolutionen und Aufruhr im Westen selbst geben dürfen. Zudem ist a priori erkennbar, welche Bewegung in revolutionäre Gewalt umschlagen wird.

Buruma und Margalit irritieren mit ihren großräumigen historischen Analogien, die in ihrer Darstellung auf direktem Weg von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs über die Kamikaze-Flieger zu al-Qaida führen. Zielpunkt dieser Tour de Force ist eine Art kulturelle Totalitarismustheorie. Dabei trüben die nur angedeuteten Vergleiche den genauen Blick. Beide Autoren sind zweifelsohne renommierte, liberale Intellektuelle und gänzlich unverdächtig, westliche oder gar rassistische Überlegenheitsgefühle zu hegen. Und trotzdem ist dieser schillernde Text tragisch gescheitert. Es kann zwar kein Zweifel daran bestehen, dass „der Westen“ mit seiner eigenen komplexen Ideengeschichte viele Feindschaften inspiriert und feindlichgesinnte Ideologen argumentativ aufgerüstet hat. Dies erlaubt aber noch keine weitergehenden Rückschlüsse bezüglich gemeinsamer Motivationslagen. Sonst kann man gleich mit dem profanen, nichts sagenden Satz aufwarten, dass als Triebfeder aller terroristischen und antiliberalen Revolten gegen den Westen immer der Hass auf den Westen ausschlaggebend sei.


© Ulrich Arnswald