Herfried Münkler, Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung

 

Herfried Münkler, Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung, Berlin: Rowohlt 2010, 300 S., ISBN 978-3871346903

 

 

 

 

 

 

     

 

Einmal mehr zeigt Herfried Münkler ein gutes Gespür für die Themen der Zeit. Das neueste Werk erscheint in einem Moment, da die Frage nach der Mitte der Gesellschaft Hochkonjunktur hat. Die Sorge über die sich verkleinernde Mittelschicht, darf man als unstrittig voraussetzen. Dies beinhaltet die Annahme, dass eine solche Entwicklung politisch gefährlich werden kann, denn die Mitte wird als Fundament der Stabilität angesehen. Die gegenwärtige Debatte dreht sich also nicht um ein Zuviel an Mitte, sondern vielmehr um ein Zuwenig. Ausgehend von einem Zweizeiler des konservativen Barockdichters Friedrich von Logau, der in einem Sinngedicht festhielt „In Gefahr und großer Noth // Bringt der Mittel-Weg den Tod.“ arbeitet sich Münkler durch die Ideengeschichte, um den politischen Begriff der Mitte zu eruieren.


Der Sinnspruch wurde in den 1960er Jahren der Bundesrepublik zum Slogan der Aufbegehrenden, die der Ausrichtung auf die Mitte in der Gesellschaft müde waren und der Mehrheit der deutschen Bevölkerung vorhielten, „eine verhängnisvolle Form von Unentschiedenheit und Unentschlossenheit zu fördern“ (7). Der Sinnspruch galt vermutlich den herrschenden fürstlichen Adelshäusern, kaum dem aufmüpfigen Volk gleich dem der 60er Jahre, welches sich diesen Spruch zu Eigen machte. Friedrich von Logau (1605-1655) war am Hof der Fürsten von Anhalt-Köthen Regierungsrat und Hofmarschall. Im welchem geschichtlichen Kontext der Spruch stand, den er unter dem Pseudonym „Salomon von Golaw“ publizierte und 1654 in seinen Deutsche Sinn-Getichte Drey Tausend der Öffentlichkeit präsentierte, erläutert der Ideengeschichtler Münkler nicht. (Vgl. Friedrich von Logau, Sinngedichte, Stuttgart: Reclam 1984. – Der genannte Sinnspruch findet sich im Abschnitt „Salomons von Golaw Deutscher Getichte andres Tausend.“, Kapitel „Zu-Gabe.“, Nr. 89., S. 130)


Die Mitte, die als Ort des Ausgleichs, des Wohlstands, des Friedens, aber auch der Sicherheit und der Beständigkeit gilt, wird oft als langweilig, mittelmäßig und behäbig begriffen. Diese Meinung vertritt ebenso der Autor, der in seiner Einleitung feststellt: „Das Extreme ist spannender und aufregender als die Mitte.“ (10) Die Avantgarde zieht offensichtlich das unwegsame Gelände der linken und rechten Extreme vor. Ob das Spannende und Aufregende deshalb aber per se wünschenswert ist, dazu äußert Münkler sich nicht, auch wenn er gegen Ende seiner Schrift einige Vorteile der Mitte hervorzuheben beginnt. Man kann Sympathien mit Hans Magnus Enzensberger erkennen, der in den 1980er Jahren das „Lob der Mittelmäßigkeit als Ausdruck gelungener Normalität“ verkündete. Dieses Lob ist Ausdruck der Einsicht, dass die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die Bedeutung und Wertschätzung einer Politik der Mitte und des Ausgleichs jenseits der Extreme neu erschlossen habe.


Strukturiert ist das Buch in vier Abschnitte: Unter dem Titel „Mitte und Maß“ erfolgt erst eine thematische Erschließung und Überblicksdarstellung. Die drei weiteren Kapitel gehen chronologisch vor. Das zweite Kapitel „Mitte und Macht“ beginnt mit der Antike bei Aristoteles und verortet den Gegenstand der Untersuchung über Horaz bis zu Marx und Engels, im nächsten Kapitel „Mitte und Raum“, das sich primär mit den geopolitischen und geostrategischen Vorstellungen von „Mitte“ und der besonderen Lage Deutschlands in der Mitte Europas beschäftigt, setzt der Autor erneut in dieser Epoche ein, aber ideengeschichtlich anders gelagert mit der geopolitischen Mittellage Deutschlands nach seiner Reichsgründung 1871, die er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs verfolgt, um im vierten und abschließenden Kapitel „Das neue Deutschland – eine Republik der Mitte?“ mit den aktuellen Diskursen über den Mitte-Begriff zu schließen. Die Tatsache, dass das letzte Kapitel des Buches nur 14 Seiten ausmacht, verdeutlicht bereits, dass die aufgrund des Untertitels „Der Kampf um die richtige Ordnung“ erhofften Antworten auf die Fragen der Gegenwart letztlich ausbleiben. Dem Buch fehlt der alles zusammenführende Fluchtpunkt.


Die Mitte kommt in den verschiedensten Formen daher: Als politische Mitte, als soziale Mitte, als „neue“ Mitte (Schröder), als „Koalition der Mitte“ (Kohl), als „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Schelsky) oder beispielsweise als „geopolitische Mitte“. Der Hauptfokus Münklers liegt auf der Frage, was die „Mitte“ einer Gesellschaft überhaupt ausmacht und nach rechten Maß dieser. Zweifelsohne ist die oft zitierte so genannte „Mitte“ ein politisch umkämpfter Begriff. Alle Parteien – selbst Die Linke im Osten Deutschlands – reklamieren die Mitte für sich und behaupten fast penetrant deren Interessen zu vertreten. Der Ansturm der Parteien auf die Mitte ist groß, denn nur wer diese an sich bindet, darf auf Regierungsmacht hoffen.


Münkler präsentiert die Frage nach der Mitte als ein genuin deutsches Thema (14), wobei er keine systematischen Vergleiche zu anderen Gesellschaften anstellt. Bereits für Aristoteles war die Mitte der anzupeilende Ort zwischen den Extremen und zugleich ein Ort des Maßhaltens und der bürgerlichen Tugend. Und auch der römische Dichter Horaz lobte den Mittelweg als den „goldenen“. Diese historischen Diskurse relativieren die angebliche „Mitteversessenheit der Deutschen“ (14) und lassen erhebliche Zweifel an einem deutschen Ausnahmefall aufkommen.


Es ist das große Manko des Buches, dass der Autor im Schnellgang durch die von ihm zusammengestellte Diskursgeschichte der Mitte hetzt, deren Spannweite u.a. von Autoren wie Solon, Cicero, da Vinci bis Machiavelli, Rousseau, Kant, Hegel und Marx reicht, um dann unerwartet über Wilhelm Busch, Hitler und Stalin, Hermann Lübbe und Franz Walter einzubeziehen. Aber für eine ausführliche Beschreibung und Verortung der entdeckten Charakteristika hat der Verfasser kaum Zeit. Von der Kunstgeschichte zur Geopolitik, von der Urbanistik zur Theologie, von der realen Politik zur Philosophie, überall sucht und findet er seine Mitte, die er stets im Singular umschreibt, was den Allerweltsbegriff der Mitte aber nicht klärt, sondern eher diffuser und nichtssagender erscheinen lässt. Was diese Mitte im Singular ausmachen soll, bleibt vage. Das Buch stellt mehr eine Ideensammlung dar, deren Auswahl sich dem Leser kaum erschließt, einem Griff in den Münklerschen Zettelkasten ähnlich. Es ist ein ideengeschichtlicher Parforceritt durch Konzepte von diversen „Mitten“, die nur beiläufig gestreift werden.


So anregend der zusammengestellte Problemaufriss mitunter ist, es mangelt an einer detaillierten Auseinandersetzung mit den diversen Verwendungsformen des Begriffs. Das gesetzte Ziel, den Fundus der Ideengeschichte zu durchforsten, um die Mitte neu zu bestimmen, läuft leer. Vielleicht liegt aber genau dies in dem Wesen des Begriffs, dass sich dieser jeder starren Definition immer schon entzieht und widersetzt, sich nicht thematisch eingrenzen lässt, was erklären würde, warum Münkler trotz seiner Absicht, zu untersuchen, was die Mitte in Deutschland heute ausmacht, selbst am Ende abrupt endet und auf ein Fazit verzichtet.

 

 

© Ulrich Arnswald