Hannes Bajohr, Dimensionen der Öffentlichkeit. Politik und Erkenntnis bei Hannah Arendt

 

Hannes Bajohr, Dimensionen der Öffentlichkeit. Politik und Erkenntnis bei Hannah Arendt, Berlin: Lukas 2011, 158 S., ISBN 978-3-86732-103-7

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     

Seit einigen Jahren erfreut sich Hannah Arendts Werk einer Renaissance in Deutschland: Die Einrichtung eines Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden (1993) sowie eines Hannah Arendt-Zentrums an der Universität Oldenburg (1999), die Auslobung eines Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken seit 1995, die seit 1998 stattfindenden Hannah-Arendt-Tage der Stadt Hannover und die Benennung einer Vielzahl von Straßen und Schulen nach ihr belegen dies. Dabei steht stets die politische Theoretikerin Arendt im Vordergrund.

Hannes Bajohr will in Dimensionen der Öffentlichkeit den Fokus auf ihr Werk neu justieren, indem er den sehr eigenen phänomenologischen Ansatz Arendts in ihrem Œuvre näher betrachtet. Mittels dieser Wahrnehmungsverschiebung zeigt der Autor, dass der Arendtsche Begriff der Öffentlichkeit, der zumeist als Handlungsraum des Politischen begriffen wird, Dimensionen beinhaltet, die nicht hinreichend berücksichtigt wurden und über das ausschließlich Politische hinausgehen.

Öffentlichkeit ist nicht irgendein Konzept im Denken Hannah Arendts. Es ist vielmehr das zentrale Konzept in ihrem gesamten philosophischen Werk, das durchgängig in allen wissenschaftlichen wie essayistischen Schriften vorkommt und wie eine Klammer die als Komplemente angelegten Werke Vita activa und Vom Leben des Geistes umspannt. Dabei wird – wie der Autor plausibel zeigt – der Begriff in beiden Werken unterschiedlich verwendet: Während in Vita activa die Öffentlichkeit jene Sphäre begrenzt, "in der Menschen miteinander und um der Welt willen handeln" (8), ist sie in Vom Leben des Geistes die Voraussetzung für das Urteilen schlechthin.

In Vita activa verfasst Arendt eine Typologie von Tätigkeiten entlang der idealtypischen Methode Max Webers, in der die menschlichen Verrichtungen in Arbeiten, Herstellen und Handeln unterteilt werden, denen wiederum korrespondierende Räume des Privaten, Gesellschaftlichen und Öffentlichen gegenüberstehen. Die Öffentlichkeit des Politischen wird durch die menschliche Tätigkeit des Handelns bestimmt, die sich ausschließlich im öffentlichen Raum entfalten kann. Die beim Arbeiten und Herstellen vorherrschende Öffentlichkeit kann man hingegen nicht als politisch betrachten. Zugleich geht nicht jedes Handeln mit einer politischen Öffentlichkeit einher, wie sich am Beispiel des ökonomischen Marktes festmachen lässt. Deshalb lassen sich nach Bajohr auch eine "bloße" Öffentlichkeit und eine politische differenzieren: Erstere ist "spontan emergent", während Letztere als "institutionalisiert" (71) oder als "eigentlich politische Öffentlichkeit" (75) beschrieben werden kann.

Unter politischer Öffentlichkeit versteht Arendt, dass sich die Menschen nach dem Vorbild einer idealisierten athenischen Polis gemeinsam "sprechend und handelnd" entfalten und "um die Geschicke der Welt" (8) kümmern. Dies ist ein sanguin politisches Unterfangen, das sowohl auf einem institutionell wie rechtlich gesetzten Rahmen basiert, der die bürgerlichen Freiheiten und die Verfassung sichert, als auch bestimmte normative Implikationen in Form der Annahme beinhaltet, dass die Bürger sich aktiv am Gemeinwesen als Grundbedingung für das Politische und als erstrebenswerte Lebensform im Sinne des "Glück des öffentlichen Handelns" (71) beteiligen.

Vita activa steht das nachgelassene, unvollendete dreibändige Werk Vom Leben des Geistes gegenüber. Vor allem aus Das Urteilen, dem letzten der drei Teilbände, ergibt sich die Urteilsfindung mittels der Öffentlichkeit, denn Arendt beschreibt den Vorgang einer solchen Urteilsbildung als einen Findungsprozess zwischen dem individuellen Urteil und dessen Affirmation durch eine imaginierte Öffentlichkeit. Dieses Konzept entstammt der Lektüre von Kants kleinen Schriften und der Kritik der Urteilskraft, die Arendt animierten, das Konzept des politischen Urteilens dem des ästhetischen in seiner Funktionsweise gleichzusetzen.

Die epistemologischen Aspekte einer solchen Öffentlichkeit werden anhand von Indizien nachgezeichnet. Aus ihnen lässt sich ein Kriterium für Erkenntnis ableiten, der den epistemologischen Öffentlichkeitsbegriff erst ermöglicht: Arendt macht sich nämlich die Denkfigur des sensus communis zunutze, die erlaubt, in einer Art imaginierten Dialog die Perspektive und das Urteil der Öffentlichkeit mit zu reflektieren, indem die subjektive Sichtweise mit einer Art Außenbetrachtung verglichen wird. Dieser im Gesamtwerk späte Öffentlichkeitsbegriff lässt nun neben der politischen gleichfalls eine mediale Dimension der Öffentlichkeit zu.

Ein solcher Öffentlichkeitsbegriff versteht sich als Wirklichkeitsversicherung und dient der Verständigung sowie der Urteilskraft, die mit Bezug auf die subjektivistische Welterfahrung versucht, "die Artikulation der multiplen Perspektiven im Erscheinungsraum" (118) auszumachen und zu überwinden. Mittels des sensus communis wird  "qua fiktiver wie faktualer Öffentlichkeit das Wirklichkeitsgefühl" (119) produziert, das einem solchen Urteil zugrunde liegt. Dabei ist der Horizont der Öffentlichkeit im epistemologischen Ansatz weit größer als der des Politischen, denn alle epistemologischen Aspekte fundieren auf dieser; z.B. korreliert das Denkvermögen mit der Öffentlichkeit, denn Voraussetzung des inneren Dialogs ist nicht nur das Vorhandensein einer räumlichen Öffentlichkeit, sondern vielmehr das Verorten des Denkens als deren struktureller Teil (vgl. 121).

Die vorliegende Arbeit ist in vier Teile gegliedert: In einem ersten, methodischen Teil werden Arendts Kernkonzepte gemäß den Idealtypen Max Webers gebildet. Der zweite Teil, beschäftigt sich mit der politischen Öffentlichkeit und den unmittelbaren Folgerungen aus diesem Öffentlichkeitsbegriff. Der dritte Teil führt den epistemologischen Öffentlichkeitsbegriff ein, der zwar keine ausgearbeitete Erkenntnistheorie erlaubt, aus dem aber dennoch Einsichten hervorgehen, die die individuelle Urteilsfähigkeit prägen. Im vierten, abschließenden Teil wird auf die Implikation der beiden Öffentlichkeitsaspekte eingegangen, die sich dem Grundproblem der Differenzierung ausgesetzt sehen, da beide sowohl voneinander abhängen als auch meist gemeinsam in Erscheinung treten. Zudem werden die Grenzen und Möglichkeiten dieser Begriffe erörtert und in Kontext zur medialen Welt in der modernen Massendemokratie gesetzt.

Der Autor betont, dass beide Öffentlichkeitsbegriffe nicht steril voneinander abgrenzt werden können, hält aber zugleich fest, dass man dennoch dem Öffentlichkeitsbegriff – trotz nicht eindeutiger inhaltlicher Trennschärfe – mindestens zwei Dimensionen abgewinnen kann, wie es nach seiner Interpretation Arendt in ihrem phänomenologischen Ansatz leistet. Öffentlichkeit wird damit das maßgebliche Paradigma ihres ganzen Denkens. Folgt man dieser Arendtschen Denkbewegung, dann sind Erkenntnis und Politik nichts Gegensätzliches, sondern etwas Komplementäres; sie bedingen einander.

Bajohr ist eine textnahe und innovative, den gesamten Werkkorpus Hannah Arendts zu Rate ziehende Untersuchung der Dimensionen des Öffentlichkeitsbegriffs gelungen, die zeigt, wie Arendt die Bedeutung der Öffentlichkeit schrittweise ausdehnt und neu bewertet. Wer der Interpretation des Autors folgt, der kann fortan auch den bis dahin vermissten Zugang zu den Aspekten von Raum und Medien im Werk erkennen und diese einer neuerlichen Analyse unterziehen.

 

© Ulrich Arnswald