Gore Vidal, Bocksgesang. Antworten auf Fragen vor und nach dem 11. September

 

Gore Vidal, Bocksgesang. Antworten auf Fragen vor und nach dem 11. September. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Jendrike und Rita Seuß, Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 2003, 121 S., ISBN 978-3-434-505631

 

 

 

 

 

   

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Gore Vidal, das enfant terrible unter den Intellektuellen Amerikas, hat mit dem Buch Bocksgesang eine Kampfschrift vorgelegt, deren titelgebender Essay sich auf den 11. September 2001 bezieht. Vidal zeigt sich auch in diesem Buch als einer der schärfsten Kritiker des amerikanischen Establishments und seiner Regierung, die er als "Cheney-Bush-Junta" bezeichnet. Seine Enthüllungen über den 11. September und die Vertuschungen der Bush-Regierung sind beunruhigend, seine Analyse der amerikanischen Außenpolitik illusionslos. Zugleich schlägt Vidal den historischen Bogen und sieht die aktuelle Außenpolitik in den Grundzügen der amerikanischen Außenpolitik des letzten Jahrhunderts verankert.

Vidal versteht die USA als ein 'Imperium', das sich expansionistisch und kriegslüstern über den Globus ausstreckt und nur die Durchsetzung seiner eigenen Interessen kennt. Menschenrechtsdiskurse, Demokratieforderungen sind nur äußerliche Placebos für das weltweite Publikum. In Wahrheit geht es aber um die nationalen Interessen, womit natürlich nur die kleine Minderheit der Begüterten Amerikas gemeint ist. Die restlichen US-Amerikaner mögen sich tagtäglich unter miserablen Bedingungen in mehreren Jobs rumschlagen. Am Abend haben sie dann nur noch zehn Minuten Zeit für Politik. Die angestrebte Müdigkeit und Erschöpfung der arbeitenden Bevölkerung erlaubt wie gewollt deren intensive Beschäftigung mit der Politik des Establishments nicht. Dies sei keine große Überraschung, denn "[a]merikanische Politik ist im Grunde eine Familienangelegenheit, wie meist in Oligarchien" (95).

Als Imperium steht Amerika dabei wie alle Imperien außerhalb des Gesetzes. Vidal wörtlich: "Wir stehen jenseits des Gesetzes, was für ein Imperium nicht ungewöhnlich ist; leider stehen wir auch jenseits des gesunden Menschenverstandes" (42). Dieses jenseits des gesunden Menschenverstandes sieht er dahingehend gegeben, dass es erst der Anschläge des 11. Septembers bedurfte, damit durch eine offizielle Propagandaschlacht das amerikanische Publikum so manipuliert werden konnte, dass es den Kriegswünschen seiner Regierung – oder in Vidals Sprachduktus "Junta" – zustimmte.

Der 11. September kam daher nach Vidal der Erreichung der außenpolitischen Ziele Amerikas äußerst gelegen. Trotz Warnungen von Putin und Mubarak, vom Mossad, CIA-Direktor Tenet oder dem FBI habe man sich zum Stillhalten entschieden, ja sogar auf das routinemäßige Aufsteigen der Abfangjäger bei vom Kurs abkommenden Zivilflugzeugen verzichtet. Für Gore Vidal hat Amerika mit dem 11. September bewusst ein Opfer erbracht, um einen vorzeigbaren Grund für die lang geplanten Folgekriege zu haben.

 

© Ulrich Arnswald