Emmanuel Faye, Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie. Im Umkreis der unveröffentlichten Seminare zwischen 1933 und 1935

 

Emmanuel Faye, Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie. Im Umkreis der unveröffentlichten Seminare zwischen 1933 und 1935, Aus dem Französischen von Tim Trzaskalik, Berlin: Matthes & Seitz 2009, 557 S., ISBN 978-3-88221-025-5

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     

Das vorliegende Buch löste in Frankreich eine erregte öffentliche Debatte aus, während in Deutschland eine solche bis dato ausgeblieben ist, obwohl die Anschuldigungen Emmanuel Fayes an die Adresse Martin Heideggers ungleich gravierender sind als die einstiger Vorläufer – wie z.B. die Studien Victor Farías und Hugo Otts oder die frühen kritischen Auseinandersetzungen Karl Löwiths, Günther Anders’, Herbert Marcuses oder Alfred Grossers. Eventuell steht in Deutschland eine solche inhaltliche Auseinandersetzung erst an. Als möglicher Beginn einer sich auf Fayes Arbeit beziehenden Debatte kann sowohl Holger Zaborowskis Buch "Eine Frage von Irre und Schuld?" Martin Heidegger und der Nationalsozialismus (2010), als auch Florian Grossers Buch Revolution denken. Heidegger und das Politische 1919 bis 1969 (2011) und darüber hinaus die sehr konzise geistesgeschichtliche Verortung Heideggers von Walter Pauly (ders., „Das Volk ist das Seiende, dessen Sein der Staat ist." Wissenschafts- und seinsgeschichtliche Bewegungen bei Martin Heidegger und darüber hinaus. In: RG, 19 [2011], 255-262) betrachtet werden. Zudem hat sich mittlerweile das Heidegger-Jahrbuch dieses Themas angenommen (vgl. Alfred Denker, Holger Zaborowski (Hg.), „Heidegger und der Nationalsozialismus II. Dokumente. In: Heidegger-Jahrbuch 5 [2009]). Faye versucht in seinem Buch zu belegen, dass die Grundlagen von Heideggers Denken rassistischem, völkischem und antisemitischem Gedankengut entstammen. Wer also glaubte, dass sich das Thema mit dem Werk Heidegger und der Nationalsozialismus (1989) von Victor Farías erledigt hätte, der wird hiermit eines Besseren belehrt.

Einiges an Heideggers Vergangenheit ist heutzutage unstrittig: Er trat 1933 als Nationalsozialist der ersten Stunde in die Partei ein, war durch und durch ein überzeugter Nazi, bewunderte und verehrte Adolf Hitler, denunzierte eine Reihe von Kollegen, forderte die Einführung des Führerprinzips und damit einhergehend die Gleichschaltung der badischen Universitäten, billigte die antisemitische Rechtsprechung und ging zudem in mehreren Fällen über das gesetzlich Notwendige hinaus. Er betrieb Propaganda für die NSDAP z.B. in Form von Reden und Wahlaufrufen für Hitler sowie mittels der von ihm organisierten Wissenschaftslager zur „politischen Erziehung“ der Studenten, die auch Rassekundeunterricht beinhalteten. Heidegger benahm sich schäbig und teilnahmslos gegenüber seinem ehemaligen Lehrer Edmund Husserl, dem er seine Laufbahn verdankte und der – da jüdisch – seines Emeritus-Standes enthoben wurde. Er biederte sich immer wieder Nazi-Größen für höhere Weihen an, plante 1933 nach München zu wechseln, um seinem Führer Hitler näher sein zu können, korrespondierte mit führenden Nationalsozialisten und Eugenikern, war ein überzeugter Antidemokrat, ein kruder Nationalist, von dem es vielfach antisemitische Äußerungen gibt – auch dies lässt sich mannigfaltig an Textstellen belegen –, verlangte nicht von ungefähr auf eigenes Betreiben als Universitätsrektor beim Ministerium die Umwandlung eines Lehrstuhls für Pädagogik in einen Lehrstuhl für Rassenkunde, war Mitglied der Akademie für Deutsches Recht in München, welche die Nürnberger Rassegesetze ausarbeitete, wollte intellektuell den Fortbestand des nationalsozialistischen Staates sichern und ihn weiterentwickeln. Nach dem Einmarsch der Alliierten in Freiburg versteckte er sich vor der französischen Besatzungsmacht, leugnete jegliche Mitschuld vor dem Entnazifizierungsausschuss, erfand die Mär vom Rücktritt vom Rektorat der Universität Freiburg als Akt der Distanzierung vom Regime, um die Universität angeblich vor dem  Zugriff der Partei zu bewahren, manipulierte seinen Nachlass und bestritt – wie Ott gezeigt hat – verschiedene historisch nachweisbare Sachverhalte aus seiner Rektoratszeit. Während Heidegger den ihm anvertrauten Studenten fanatisch Opferbereitschaft predigte, drückte er sich, als er zum Volkssturm eingezogen werden sollte, feige mittels einer schriftlichen Intervention seines Eugeniker-Freundes Eugen Fischer von dem als "heldenreich" propagierten Kampf für "die Volksgemeinschaft". Heidegger war kein passiver, sondern ein aktiv eingreifender Nationalsozialist. Er ging im Gegensatz zu Ernst Jünger nach dem Krieg nie auf Distanz zu Hitler, zeigte nicht einmal öffentlich Mitgefühl mit den Millionen von unschuldigen Opfern des Nationalsozialismus. All dies sind hinreichend belegte Fakten.

Diese Gegebenheiten lassen Heidegger weder als Vorbild dienen, noch bestätigen sie die vielstimmigen Apologien seiner Schüler in der Nachkriegszeit. Dies alles ist immer wieder von neuem abstoßend, man kann nicht oft genug die Abscheulichkeit von Heideggers Aussagen und Verhalten betonen, per se ist all dies aber nicht neu. Daher stellt sich berechtigterweise die Frage, was der Mehrwert ist, den Emmanuel Faye geltend macht. Zunächst einmal sind die beiden erst kürzlich veröffentlichten Quellen zu benennen (vgl. Alfred Denker, Holger Zaborowski (Hg.), "Heidegger und der Nationalsozialismus I. Dokumente", Heidegger-Jahrbuch 4 [2009]), die von Faye bereits vor Veröffentlichung aus Archiven ausgewerteten Seminare "Über Wesen und Begriff von Natur, Geschichte und Staat“ (1933/34) und "Hegel, Über den Staat"(1934/35). Der Autor interpretiert aus diesen Seminaren als Leitmotiv Heideggers, "die ganze Philosophie mit der Befragung und mit der Entscheidung des deutschen Volkes zu seiner Geschichte, seinem Schicksal und seinem Sein gleichzusetzen." (128) Man kann zwar anhand der Seminartexte bezweifeln, dass der Rücktritt vom Rektorat im April 1934 eine Wende war, wie die Heidegger-Apologeten einst glauben machen wollten. Weniger überzeugend ist hingegen der weitergehende Schluss, dass nicht der Eintritt in die NSDAP und seine glühende Hitler-Verehrung und Unterstützung der Bewegung das Hauptproblem des Heideggerschen Werkes darstellt, sondern vielmehr der Versuch, "die gesamte Philosophie mit in diesen Entschluss hineinzunehmen" (128). Die Bremer Vorträge können zwar als die strittigen Texte ausgemacht werden, die von manchen kaum als ein rein philosophisches Gedankenkonstrukt wahrgenommen, sondern vielmehr als Rechtfertigung Heideggers nationalsozialistisch-imprägnierten Wahns angesehen werden. Eine solches Verständnis erlaubt durchaus, der von Faye aufgeworfenen Frage nachzugehen, ob es sich überhaupt um philosophische Texte handele oder nicht vielmehr um nationalsozialistische Propaganda – und dennoch ist äußerste Vorsicht vor vorschnellen Urteilen geboten.

Zweifelsfrei kann Heideggers Werk ab 1933 als eine nationalsozialistische Philosophie bezeichnet werden, insofern er selbst Nationalsozialist war. Eine Philosophie des Nationalsozialismus schrieb der überzeugte Aktivist des Regimes aber wider den Behauptungen Fayes nicht. Es ist zudem historisch nicht bekannt, dass die Ideologie des Nationalsozialismus je eine philosophische Rückversicherung in Anspruch genommen hätte. Ebenso hat er den Nationalsozialismus nicht in die Philosophie eingeführt, denn dies wäre kaum nötig gewesen, da dessen ideologische Begrifflichkeiten unabhängig von Heideggers Werk in dieser Zeit in den Schriften vieler Philosophen wie u.a. Alfred Baeumler, Erich Rothacker, Ludwig Ferdinand Clauss, Arnold Gehlen, Ernst Krieck, Hans Heyse oder Oskar Becker virulent waren. Faye unterschätzt die historischen Vorprägungen der deutschen Mandarine, die in vielfältiger Weise bereits in den 1920er Jahren mit Neigungen für den radikalen Nationalismus durchdrängt waren (vgl. Fritz K. Ringer, Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine 1890-1933, 1983). Diese haben für ihre nationalsozialistischen Sympathien keinen Heidegger gebraucht.

Ausgerechnet das frühe Werk Sein und Zeit (1927) nun als ein Beleg des Heideggerschen Nationalsozialismus zu präsentieren, in dem dieser angeblich bereits philosophisch "die Grundlagen des Nationalsozialismus" mit gelegt habe, kann Faye weder belegen noch plausibel machen. Dies ist keine Verniedlichung des Engagements Heideggers für den Nationalsozialismus – im Gegenteil: Heidegger wollte sich als "geistiger" Führer der Bewegung hervortun, doch war er nach jetzigem Kenntnisstand seitens der politischen Führung der Nationalsozialisten weder zur Ausarbeitung einer nationalsozialistischen Philosophie beauftragt, noch konnte er auch nur ansatzweise seinen politischen Führungsanspruch, als eine Art Chefdenker der Bewegung zu fungieren, durchsetzen. Dies ist die eigentliche Abstrusität Heideggers, der letztlich die pervertierte Ideologie der Nationalsozialisten mit seiner „Metaphysik des deutschen Volkes“ noch zu übertreffen gedachte.

Genau an dieser Stelle untergräbt Emmanuel Faye sein eigenes Anliegen in frappierender Weise. So mutmaßt er, ob Heidegger nicht eine hervorgehobene Rolle in einem verborgenen Netzwerk gespielt hat und möglicherweise als Redenschreiber Hitlers gewirkt habe (283).

Dies lässt sich mit nichts belegen. Der Vorwurf, dass in Heideggers Philosophie "den Nationalsozialismus kennzeichnende[n] Redensarten" (425) wie die "Volksgemeinschaft" und die „Schicksalsgemeinschaft“ vorkommen, die sicher mit dem Nationalismus der 1920er Jahre einhergehen, ist eine grobe Verkennung der Tatsache, wie sehr diese Begriffe Kinder ihrer Zeit sind. Sie kommen bei vielen Autoren vor und lagen vermutlich bedeutungsschwanger in der Luft. Die Verwendung dieser Begrifflichkeiten ist kein Beleg für eine Philosophie des Nationalsozialismus, wie der Autor fälschlicherweise meint. Dieser Schluss entspringt vielmehr einer Fehleinschätzung der deutschen Geschichte, aus der dann noch ein weiterer Schnellschuss in Form eines abschließendes Resümees Fayes erwächst, dass mit Heideggers Werk "die nationalsozialistischen Grundsätze in die philosophischen Bibliotheken der Welt gestellt" (428) worden sind. Dies würde Heidegger letztlich doch noch zu dem Großdenker des Regimes machen, der er gerne gewesen wäre, obwohl er bekanntlich nie zum Staatsphilosophen des Dritten Reiches avancierte. Hier schießt Faye weit über sein Ziel hinaus, was für die berechtigten Anliegen seiner Untersuchung äußerst nachteilig ist.

Sicherlich ist die ansatzweise vom Autor eingeführte Methode, zeitgeschichtliche Parallelen zwischen Heideggers Schriften und den historischen Ereignissen im Nationalsozialismus zu ziehen, einer der faszinierendsten Aspekte des Buches. Faye geht davon aus, dass sich in Heideggers Werk zeitnahe Bezüge zu den einschneidenden politischen Zusammenhängen widerspiegeln. Als Beispiel führt er den Bau des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg ein. Im November 1935 sprach Heidegger im Vortrag "Vom Wesen des Kunstwerks" von einem "Tempel" des Volkes als "die ausbreitsame und gewurzelte Mitte, in der und aus der ein Volk sein geschichtliches Wohnen gründet" (320), nur zwei Monate nach dem Parteitag auf dem Zeppelinfeld, das nach dem Modell des Pergamon-Altars mit einer 360 Meter langen Bühne einem Tempel ähnlich als Schauplatz für Hitlers Reden diente. Weiterhin verweist er auf die Lichtsäule aus 150 Scheinwerfern der Luftabwehr, die den Nürnberger Versammlungsplatz einrahmten und die im gleichen Vortrag mit Heideggers "Lichtung" korrespondieren soll. Hier wäre es wünschenswert, man würde Heideggers Texte systematisch unter den jeweiligen historischen und politischen Geschehen durchforsten, die Faye offensichtlich en passant der nationalsozialistischen Berichterstattung entnommen und mit dem Vortrag in Verbindung gesetzt hat. Eine solche Gegenüberstellung könnte neue Einsichten über den Grad des Einflusses der zeitgenössischen Politik des Dritten Reiches auf das Werk Heideggers geben.

Die französische Rezeptionsgeschichte verortete Heidegger fälschlicherweise unmittelbar nach dem Krieg in vollkommener Verklärung der Tatsachen als eine Art Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, der oft unreflektiert von vielen französischen Philosophen als Pate ihrer Philosophie adoptiert wurde und daher eine feste Säule der modernen französischen Philosophie darstellt. Diese geschichtlich unhaltbare Fehldeutung macht das massive, manchmal überzogen polemische Vorgehen Fayes verständlich, das allerdings deutsche Leser abschreckt. Vor allem gegen Ende des Buches vermittelt der Autor den Eindruck, er gehe eher einer Mission als einer nüchternen wissenschaftlichen Analyse nach. Er ist primär von einer Frage geradezu besessen: „Wie kann man einen Autor, der die höchsten Begriffe der Philosophie benutzt, um die Militärmacht der Nationalsozialisten zu feiern und die mörderischste Diskriminierung zu rechtfertigen, einen Philosophen nennen?“ (424) Seine Intention, Heidegger endlich aus der Philosophie herauszulösen, verbirgt der Autor erst gar nicht, der offen bekennt, dass er "zu der Überzeugung gelangt [… sei], dass sich die Philosophie endlich vom Werk Heideggers befreien muss." (423) Stattdessen soll es als nationalsozialistisches Hetzwerk kategorisiert werden, denn "[e]in solches Werk darf nicht weiter in den Regalen der philosophischen Bibliotheken stehen. Es gehört in die Bestände zur Geschichte des Nationalsozialismus." (426)

So sehr man auch das menschliche Entsetzen über die charakterlichen Abgründe Heideggers nachvollziehen mag, Fayes Rundumschlag gegen dessen Philosophie, der in der These gipfelt, dass dessen Werk ein solches Ausmaß an faschistischen und rassistischen Ideen beinhaltet, dass man dieses nur als "Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie" ansehen könne, verfängt nicht. Heideggers Philosophie wird durch dessen Betätigung für die Nationalsozialisten nicht endgültig diskreditiert. Für ihn gilt gerade die Behauptung nicht, "dass er sich bis in die innersten Gefilde seines Denkens hinein vom Nationalsozialismus nährte und ihm vollkommen untertan war" (429). Einerseits ist Heideggers Werk – trotz aller persönlichen Verhaftungen – im Kontrast zur Vorgehensweise Fayes nicht mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen. Andererseits gilt nach wie vor die von Jürgen Habermas in seinem Vorwort zu Farías Werk gegebene Einschätzung, dass "[d]ie Rezeptionsbedingungen eines Werkes […] vom Verhalten des Autors weitgehend unabhängig [sind]" (Habermas, „Heidegger – Werk und Weltanschauung“. In: Farías 1989, 11-37 (33f.)). Diese Einschätzung hat meines Erachtens auch nach der Lektüre der durchaus bedrückenden Anklageschrift Fayes Bestand, insofern muss man der Verbreitung der Schriften Heideggers – im Gegensatz zu Fayes Forderung – auch keinen Einhalt gebieten.


© Ulrich Arnswald