Eine „einschneidende“ Gotteserfahrung – Zum Spannungsverhältnis religiöser Pflichten versus körperlicher Unversehrtheit

Diskussionsveranstaltung mit drei Impulsvorträgen

Am 7. Mai 2012 urteilte die Strafkammer des Text für sehgeschädigte Besucher: Ein Skalpell währen einer Operation. Es ist hinterlegt von drei Paragraphenzeichen in den Farben der deutschen Flagge.Landgerichts Köln, dass eine Beschneidung von Jungen ohne Vorliegen einer medizinischen Indikation den Tatbestand einer Körperverletzung erfüllt, der auch durch die Einwilligung der Eltern nicht zu rechtfertigen sei. Zwischenzeitlich hat der Deutsche Bundestag die Möglichkeit zur Beschneidung nicht einsichts- und urteilsfähiger Kinder ohne Vorliegen medizinischer Gründe gesetzlich neu geregelt und gebilligt. Die Debatten um ethische Bedenken sowie medizinische Fragestellungen sind damit aber noch lange nicht beendet.

Während die einen die Glaubens- und Lebenswelt der religiösen Gruppen geschützt wissen wollen und auf Toleranz gegenüber deren Riten plädieren, sehen die anderen im religiös motivierten Entfernen der männlichen Vorhaut eine strafbare Körperverletzung, die zudem das Recht des Kindes auf Selbstbestimmung unterläuft. Für Gläubige hingegen geht die Beschneidung mit dem Kindeswohl einher, denn das Kind würde Schaden nehmen, wenn es nicht der Religion der Eltern angehören würde. Vielleicht ist es diese Einsicht, die Spinoza in seinem Tractatus theologico-politicus vor Augen hatte, als er schrieb: „Das Zeichen der Beschneidung halte ich dabei für so bedeutungsvoll, dass ich überzeugt bin, dies allein werde das Volk für immer erhalten.“ (63)

Wir wünschen uns in modernen Gesellschaften ein Maximum an Rechten und Freiheiten. Was aber, wenn diese Rechte und Freiheiten sich einander ausschließen oder miteinander in Konflikt geraten? Wie soll mit den konkurrierenden Rechten der Religionsfreiheit und körperlicher Unversehrheit ungegangen werden? – Sicher ist, dass Beschneidungskritiker weder antisemitisch noch anti-islamisch sein müssen, und Beführworter noch lange keine Gewaltverherrlicher oder Kinderquäler sind.

Die Veranstaltung will sich bewusst folgenden kontroversen Fragen widmen: Soll die Religionsfreiheit unangetastet bleiben? Muss der Staat das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit durchsetzen? Gebraucht die Beschneidung das Kind bloß als Mittel der elterlichen Religionsausübung? Welchen Willen achtet die elterliche Erziehung hier überhaupt als „Zweck an Sich“ (Kant, GMS 433)? Steht das Recht auf körperliche Unversehrtheit von Kindern damit letztlich zur Disposition? Würde ein Beschneidungsverbot das Selbstverständnis einer Religionsgemeinschaft infrage stellen? Wäre es ein zu eklatanter Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht von Religionsgemeinschaften? Wo aber ist die genaue Grenze für eine adäquate staatliche Regulierung religiöser Riten?

Günter Frank, Gotthard Bechman und Michael Wendland führen mit pointierten Impulsvorträgen in das Thema ein, bevor eine intensive Diskussion sich im Plenum anschließen soll, die von Hannah Ullrich moderiert wird.

Datum und Ort: 

Donnerstag, 6. Februar 2014, 19 Uhr, im Foyer des Instituts für Philosophie, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Campus Süd, Kollegium am Schloss, Geb. 20.12.

Der Eintritt ist frei.